Nach dem Amoklauf : Das Zwitschern des Schreckens

Die Todesschüsse machen Twitter auch in Deutschland zum Medienphänomen. So funktioniert der Dienst.

Kurt Sagatz
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Evan Williams, l., und Biz Stone haben den Kurznachrichtendienst 2006 gegründet. -Foto: AFP

Terror in Bombay, Barack Obamas Wahlsieg, die Notwasserung des United-Airlines-Flugzeuges im Hudson und nun der Amoklauf von Baden-Württemberg. Jedes große Ereignis findet nahezu verzögerungsfrei den Weg in den Internet-Kurznachrichtendienst Twitter. Bis zu 50 neue Twitter-News zum Schrecken von Winnenden wechselten sich am Mittwoch im Minutentakt ab. Twitter – was übersetzt „Zwitschern“ oder „Schnattern“ heißt – dient sonst vor allem dazu, die Freunde auf dem Laufenden zu halten oder um Statusberichte unter Kollegen auszutauschen. Am Mittwoch wurde Twitter mit seinen 140-Zeichen-Botschaften zum Breaking- News-Laufband des Internets. Doch wie genau funktioniert der Dienst? Was ist der Unterschied zu einem Blog? Und wie verlässlich sind Twitter-Nachrichten (siehe Interview)?

Den Kurznachrichtendienst gibt es erst seit 2006, Amazon-Gründer Jeff Bezos ist mit einer Finanzspritze an dem Startup beteiligt. Wie viele Menschen Twitter nutzen, gibt das Unternehmen aus San Francisco selbst nicht bekannt. Branchenschätzungen zufolge schnattern über sechs Millionen Menschen weltweit über Twitter.

Wie alle erfolgreichen Internet-Trends ist das Twitter-Prinzip sehr einfach. Die Webseite kennt zur Benutzung zwar nur die beiden Sprachen Englisch und Japanisch, die Nachrichten (Tweets oder Updates genannt) werden jedoch in den unterschiedlichsten Sprachen verfasst.

Zum einfachen Zuhören muss man sich nicht einmal registrieren, es reicht aus, die Seite search.twitter.com anzusteuern. Nun kann Twitter entweder nach Themen durchsucht werden, oder man lässt sich von der Auswahl unterhalb der Sucheingabe inspirieren. Zu erkennen sind die Themen an dem vorangestellten Rautezeichen (#). Freunde oder Buddys heißen in Twitter übrigens Follower. Dazu wird man, in dem die Tweets anderer Twitterer abonniert werden. Die ganze Twitter-Welt öffnet sich erst nach der Anmeldung und der Erstellung einer eigenen Profilseite. Nun können eigene Meldungen, hier Updates oder Tweets genannt, eingestellt werden. Die Updates zum großen Thema „Was tust du gerade“ sind entweder komplett öffentlich oder richten sich nur an den eigenen Freundeskreis. Wie bei anderen Weblogs gibt es eine Antwortfunktion, in Twitter Retweets genannt. Stichwort Privatsphäre: Es ist zwar möglich, nur mit einer einzelnen Person News auszutauschen. Was hingegen auf der eigenen Profilseite (von überall im Internet unter twitter.com/Nutzername zu erreichen) oder in öffentlichen Tweets gesagt wurde, steht nun ungeschützt in der Online-Welt. Auch andere Datenschutzbedenken sind angebracht. Twitter behält sich vor, Nutzerdaten als Erlösquelle auszuschöpfen.

Zum mächtigen Informationswerkzeug werden die 140-Zeichen-Tweets dadurch, dass sie auch weiterführende Internet-Adressen enthalten können. Über spezielle Dienste wie TinyURL werden die Adressen extrem verkürzt. Auch andere Medien wie Bilder lassen sich über Dienste wie Twitpic in Form von Kurzadressen anfügen, so dass mit einer kurzen Nachricht weit mehr gesagt werden kann als auf den ersten Blick ersichtlich.

Für Twitter spielt es keine Rolle, welches Betriebssystem der Nutzer einsetzt, ob er im Büro sitzt, im Straßencafé ein Netbook auf dem Schoß hat, die Nachrichten über die iPhone-Anwendung Tweetie empfängt oder die mobile Einstiegsseite m.twitter.com nutzt. Auch per Chat oder SMS können Nachrichten abgeschickt werden. Um von allen erdenklichen Geräten und Orten erreichbar zu sein, hat Twitter seine Schnittstellen offengelegt. Im Netz gibt es lange Listen von Programmen für jedes System, um Twitter zum Beispiel über eine bessere Suchfunktion möglichst genau an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.

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