Nummernschilder erkennbar : Street View schlampt beim Verpixeln

Seit heute Nacht kann man virtuell in Berlin spazieren gehen - Google Street View ist gestartet. Wir stellen fest: das Wetter in der Hauptstadt ist erstaunlich gut, doch man sieht viel neblig Verpixeltes. Personen und sogar Nummerschilder sind aber erkennbar.

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So sieht's in Google Street View am Hermannplatz aus.
So sieht's in Google Street View am Hermannplatz aus.Screenshot: Tsp

Da ist meine Nachbarin! Mit ihrem Sohn an der Hand schlendert sie die Straße entlang. Ihr Gesicht ist ein bisschen verwischt, aber erkennen kann ich die beiden trotzdem. Sonnig ist es, die Fußgänger sind sommerlich angezogen. Anhand der Lichtverhältnisse auf der Straße schätze ich, wie spät es ist – morgens, halb zehn in Deutschland. Ach ja, Karstadt ist auch noch zu. Da laufen sie also, die Mütter, die Alkoholiker, die Studis. Und noch so viele Parkplätze frei! Das wird auch die nächsten Jahre so bleiben, zumindest auf Google Street View.

Seit heute Nacht ist der Dienst in Deutschland freigeschaltet, in 20 größeren Städten kann man sich jetzt also virtuell durch die Straßen begeben. Möglich, dass heute die Produktivität in einigen Büros eingeschränkt ist, weil alle erst mal nachschauen müssen, wie das denn nun geht, und ob ihr Haus auch gut aussieht oder alles ordnungsgemäß verpixelt ist. Und eins ist dabei gleich festzustellen: Das mit dem Unkenntlichmachen, für das sich so viele Deutsche eingesetzt haben, ist so eine Sache: Einzelne Menschen und das, was sie gerade taten, als die Google-Kamera vorbeifuhr, sind zumindest für deren Bekannte trotz Verpixelung erkennbar. Und sogar die Nummernschilder geparkter Autos sind dann zu entziffern, wenn die Autos in bestimmten Winkeln zur Kamera stehen. Das wird erneut die Gegner des umstrittenen Projekts auf den Plan rufen.

Screenshot: Tsp

Ansonsten macht der Gang durch die Stadt richtig Spaß. Google hinkt ein bisschen hinterher und erklärt noch am frühen Morgen, dass man "Bilder von deutschen Städten leider noch nicht ansehen" kann. Aber davon lasse ich mich nicht abschrecken. Ich gehe zu Google Maps und scrolle mich auf Berlin runter, zunächst in der Satellitenansicht. Ich lande auf der Frankfurter Allee. Und jetzt? "Du musst das Männchen auf die Karte ziehen", sagt meine Kollegin. Männchen? Ah, da ist es ja, das orangene Kerlchen, es wartet geduldig auf dem Zoombalken. Zieht man es mit der Maus auf die Karte, dann neigt es sich neugierig zur Seite und knickt die Beine ein. Dann steht es da, an der Kreuzung Frankfurter Allee/Samariter Straße und die Panoramaansicht öffnet sich. Man kann Passanten anschauen, die Auslagen in den Geschäften, da gibt es billige Kopien, hier ist eine Wohnung zu vermieten, sogar die Telefonnummer steht da.

Und wie komme ich jetzt zum Hermannplatz? "Fahr doch einfach zum Alex und bieg dann links ab", schlägt die Kollegin vor. Okay, also die Frankfurter Allee runter, da sieht man ja schon den Fernsehturm. Plötzlich kommt rechts ein großer grauer, nebeliger Kasten ins Bild. Na klar, die verpixelten Häuser. Das muss ich mir doch gleich auf Google Maps in der Satellitenansicht noch mal genauer ansehen. Hm, ein Hotel, ein Arzt, ein Rechtsanwalt. Ich frage mich, wer von den Hausbewohnern wohl am paranoidesten ist.

Die besten Schnappschüsse von Google Street View
Gefragt nach seiner Adresse, antwortete der Bewohner: "Dritter Laternenpfahl links".Weitere Bilder anzeigen
1 von 48Foto: Google Streetview
07.11.2011 13:09Gefragt nach seiner Adresse, antwortete der Bewohner: "Dritter Laternenpfahl links".

Das Gekurve durch Mitte dauert mir jetzt doch zu lange, es muss einen schnelleren Weg nach Neukölln geben, schließlich ist das hier das Internet. "Das Männchen kann auch fliegen", sagt die Kollegin wieder. "Oder gib doch einfach die Adresse ein". Recht hat sie, und lustig sieht das aus, wenn man das Männchen über die Karte zieht. Es zappelt ein bisschen mit den Beinen, zumindest bilde ich mir das ein. Und in Neukölln ist das Wetter viel besser! Ich schicke meinen orangenen neuen Freund die Hasenheide hinunter. Die Bäume so grün! Und der Grasmittelstreifen schon ziemlich verbrannt. Sommer! Anhand der Plakate und Konzertankündigungen versuche ich, das genaue Datum herauszubekommen, aber es ist leider doch zu unscharf.

Plötzlich wird alles schwarz, nur ein Pfeil führt ins dunkle Off. "Dieses Bild wird zur Zeit noch überarbeitet und wird demnächst zur Verfügung stehen", informiert mich Google. Sind sie wohl mit dem Verpixeln nicht nachgekommen. Ich versuche, mein Männchen in den Park hineinzuziehen, aber es weigert sich und springt immer wieder auf die Straße zurück. Die Hasenheide ist doch gar nicht so schlimm, denke ich, da gibt es einen Streichelzoo und Minigolf und was nicht alles, aber das interessiert das Männchen nicht. Ein bisschen stur, aber egal, es ist Sommer im November, dann fahren wir eben zusammen zum Schlachtensee und schauen, wie das Wetter dort ist. Ich bin dann mal unterwegs.

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