Online-Dating : Digitale Partnersuchen funktionieren wie Scheuklappen

In der Liebe bietet das Netz unbegrenzte Auswahl? Nicht ganz. Zwar gibt es mehr potenzielle Kandidaten, die Suchstruktur zementiert aber auch Traditionen und Vorurteile - und das weltweit.

Tina Klopp

Ein Brahmane hat es nicht leicht, wenn er einen Partner sucht. Weil viele indische Familien immer noch Wert legen auf eine standesgemäße Vermählung, muss er jemanden finden, der nicht nur aus der gleichen Kaste ist wie er. Traditionell müssen auch die Horoskope übereinstimmen, und in der Regel hat die Familie genaue Vorstellungen davon, in welcher Branche Vater und Mutter des oder der Zukünftigen arbeiten dürfen.

Zum Glück gibt es das Internet. Online-Partnerbörsen wie das 1997 in Indien gegründete Shaadi.com haben vielen Menschen die Suche nach dem passenden Pendant erleichtert. Shaadi hat nach eigenen Angaben schon mehr als eine Million Hochzeiten auf der ganzen Welt gestiftet. Und nimmt jeden Tag an die 6000 neue Profile auf. Dabei trägt sie jedoch indirekt dazu bei, gesellschaftliche Gräben zu zementieren und Traditionen am Leben zu erhalten, denen einige ein baldiges Aussterben gewünscht hätten.

Zwar hat sich dank des Internets immerhin die Auswahl erheblich vergrößert und umfasst nicht mehr nur die eigene Nachbarschaft und den Freundeskreis der Eltern. Das ist für viele Kinder aus traditionellen Kulturen sicher ein Zugewinn an Freiheit. Doch die Suchkriterien sind letztlich die gleichen.

In Indien ist digitale Partnersuche eine Wissenschaft für sich

Wer sich bei Shaadi anmeldet, muss Fragen eintippen, die höchstens das Herz eines Buchhalters höher schlagen lassen: Horoskope, Sonnenzeichen, Mondzeichen, Communities, Nationalität, Religion, Kaste, Eltern, Brüder, Schwestern. Allein der Versuch, die Bedeutung der Rubrik "Manglik" zu verstehen, kann Tage dauern: "Kuja Dosha vom Mond aus, Mond im Löwen, Mars in der Jungfrau, also Mars im 2. Haus – bin ich Manglik?", fragt eine Unglückliche im Internetforum astrologix.

Das Problem: Nach dem vedischen Horoskop müssen sich Mangliks mit anderen Mangliks zusammentun, sonst steht die Heirat unter einem schlechten Stern. Da sollte man sich auskennen. Und nicht nur dort. Die indischen Kasten sind unterteilt in 20 Hauptklassen vom Brahmanen bis zu den Unberührbaren und noch einmal an die Hundert Unterklassen.

Afrikaner können unter 15 verschiedenen Stämmen wählen

Dagegen geizen Afrikaner geradezu mit ihren Klickmöglichkeiten. Kikuyu oder Luo? Je nach Land und Region kann man unter bis zu 15 unterschiedlichen Stämmen wählen. Neben Herkunft und Religion interessiert sich Aleera.com noch für die Pigmentierung, also, wie schwarz die Hautfarbe ist. In der Rubrik "Life Style" können Afrikaner immerhin angeben, ob sie rauchen, trinken und in familiären Dingen eher liberal, moderat oder traditionell sind. Dann erst folgen Fragen nach den Hobbys und Lieblingsfilmen.

Überraschender ist die nach dem "Genotyp". Hier geht es um die Übertragung der Sichelzellanämie, einer in Afrika weit verbreiteten Blutkrankheit, die sich je nach DNA-Zusammensetzung an die Kinder vererbt. Und tatsächlich trifft fast jeder Aleera-Kunde hier brav eine Auswahl, vermutlich weil sich eh verdächtig macht, wer das Kästchen offen lässt.

Franzosen sind führend im europäischen Online-Dating

Unkomplizierter sind da Franzosen, die vor allem dank meetic.fr zueinanderfinden. Ziemlich weit oben auf der Interessenliste steht zwar, ob Kinder vorhanden sind, aber dann kommen vor allem harte Fakten: Größe und Figur, Haar- und Augenfarbe. In Europa die klassischen Interessen. Und offensichtlich die erfolgreichen. Sind die Franzosen doch im Vergleich zu den anderen Europäern führend im Online-Dating. Allerdings sind selbst sie noch lange nicht so aktiv wie Amerikaner. Während nur vier Prozent aller Europäer Internet-Dating nutzen, tut das in den USA schon jeder Fünfte.

Auch Chinesen interessieren sich als erstes dafür, ob schon ein Kind vorhanden ist, und wenn ja, wie alt und noch wichtiger: Junge oder Mädchen? Dafür tauchen hier zwei Fragen weit oben auf, die man in anderen Ländern vergeblich sucht: Was essen Sie gerne? Und: Haben Sie Haustiere? Chinesen fragen außerdem nicht dezent nach Beruf und Schulabschluss, hier ist man aufgefordert, gleich sein Jahresgehalt in US-Dollar anzugeben.

Außerdem scheinen sie besonders misstrauisch zu sein. Die chinesische Partnerbörse Baihe.com gleicht Alter, Familienstand und andere persönliche Daten ihrer acht Millionen Kunden mit einer staatlichen Datenbank ab. Um Betrüger zu entlarven und das Vertrauen in die Dienste zu erhöhen, wie es heißt. Online Dating könnte ein Riesengeschäft werden, so viele alleinstehende Chinesen gibt es mittlerweile. Aber Umfragen zu Folge sollen 53 Prozent aller Online-Dater bereits betrogen worden sein.

Die Deutschen sind ganz schön egozentrisch

Auch die Deutschen wollen sicher gehen. Allerdings interessieren sie sich weniger für die Berufe der Eltern oder die Essgewohnheiten. Parship fragt dafür 30 Persönlichkeitsmerkmale ab, die sicherstellen sollen, dass die Beziehung ewig hält. Zum Beispiel, was einem vor einer Party durch den Kopf geht: "Dass ich Wert darauf lege, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Ob das, was wir mitbringen (Wein, Pralinen, Blumen ...), das Richtige ist. Dass ich eigentlich nicht gerne auf Partys gehe. Dass ich anziehen werde, was am bequemsten ist, weil es mir zu dumm ist, mich um die Kleiderordnung zu kümmern." Wer alle Fragen beantwortet, bekommt im Gegenzug ein 80-seitiges PDF mit seinem Partnerprofil zugeschickt. Ganz schön egozentrisch. Und es erinnert an Psychotests in Fernsehzeitschriften. Die Partneragentur Parship gehört wie Die Zeit und der Tagesspiegel zur Verlagsgruppe Holtzbrinck.

Bei Amerikanern ist eine andere Leitwissenschaft tonangebend in Sachen Beziehungsglück: die Chemie. Um bei Chemistry.com ein Profil anzulegen, wird zum Beispiel nach der Handform gefragt – weil das Verhältnis von Zeige- zu Ringfinger etwas über den Testosterongehalt einer Person aussagen soll. Und weil die testosterongeschwängerten "Directors", die gradlinig, analytisch, rational und kompetitiv sind, "Negotiators" bevorzugen, die durch ständige Östrogen-Ausschüttungen stets empathisch und intuitiv unterwegs sind.

Parallelgesellschaften in Sachen Liebe

Laut der Theorie der Wissenschaftlerin Helen Fischer umgeben sich dagegen die serotoningesättigten "Builder" gerne mit ihresgleichen, weil sie eher ruhig und sozial agieren und Werte und Traditionen bewahren. Die "Explorer" wiederum sind dank ihres erhöhten Dopamin-Spiegels auf der Suche nach neuen Erfahrungen, was sie am besten in Gesellschaft von anderen Explorern ausleben sollten.

Ob Bluttest, Psychoprofil oder Kastenzugehörigkeit, insgesamt geht das Netz ziemlich separationistisch zu Werke. Es ist wie mit den Buchempfehlungen bei Amazon oder den Netzwerken, in denen man Musik vorgeschlagen bekommt: Eigentlich wird immer nur nach Ähnlichkeiten gesucht und auf Dinge aus dem eigenen Umfeld hingewiesen. Nie stolpert man über einen neuen Menschen oder das abseitige Buch, wird neugierig, und probiert sein Glück.

Wenn die digitale Welt so etwas ist wie eine vereinfachte Abbildung der Wirklichkeit ist, dann funktionieren die Partnerbörsen wie digitale Scheuklappen. Zugespitzt formuliert: Online-Dating fördert Parallelgesellschaften in Sachen Liebe. Das Ausblenden von Andersartigem war jedenfalls nie so einfach.

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