Paraworld : Pack den T-Rex in den Tank

Saurier waren nicht besonders intelligent, behaupten Forscher. Nehmen wir den Brontosaurus: 30 Meter lang und dann ein Gehirn von der Größe eines Tennisballs – kann das gut gehen? Im neuen Echtzeitstrategie-Knaller „Paraworld” jedenfalls spielen die Giganten der Urzeit die Hauptrolle.

Achim Fehrenbach

Ein T-Rex im Vorgarten ist keine sehr angenehme Vorstellung. Er wäre sogar ein ziemlich großes Problem. Wir können froh sein, dass es heutzutage keine Dinosaurier mehr gibt. Andererseits wäre ein T-Rex wahrscheinlich bestens geeignet, uns vollständig von Gammelfleisch-Skandal und Gesundheitsreform abzulenken. Ja, vielleicht wäre es sogar manchmal ganz gut, 2 bis 3 Dinos vorrätig zu haben, die man von der Leine lassen könnte.

Aber das Leben ist kein Jurassic Park, und wir müssen schon „Paraworld” spielen, wenn wir die schuppigen Riesen treffen wollen. Die deutsche Games-Schmiede „SEK Ost” präsentiert in seinem neuen Echtzeit-Strategiespiel ein Szenario, das sich wohltuend von den gängigen Weltkriegs-, Ritter-, Römer- und Science Fiction-Schlachten abhebt. Zur Handlung: Im 19. Jahrhundert erfindet der machthungrige Wissenschaftler Jarvis Babbitt eine Maschine, die es ihm ermöglicht, in eine von Dinos und archaischen Völkern bewohnte Parallelwelt zu reisen.

Die Flintstones lassen grüßen

Mit Hilfe seines Geheimbundes SEAS („Society of exact alternative Sciences”) will Babbitt in der “Paraworld” ein Imperium errichten. Drei junge Forscher kommen ihm auf die Schliche, woraufhin er sie durch das Weltentor ins Dinoland lockt. Dort geraten Anthony Cole, Stina Holmlund und Béla András Benedek sofort zwischen die Fronten. Offensichtlich spielt die SEAS diverse Volksgruppen gegeneinander aus: Das Nordvolk kloppt sich mit den Wüstenreiter, die werden von Piraten und Barbaren belästigt, und der Drachenclan mischt auch noch munter mit. Jedes Volk hat seine speziellen Fähigkeiten – vom Waffen- und Rüstungsbau über mobile Produktionsstätten bis zu trickreichen Fallen und Fernwaffen. Allen Völkern ist es gelungen, Dinos zu domestizieren und als Kampfmaschinen einzusetzen. Die Palette reicht vom Kampf-Rhino über den Stego-Transporter bis zum Brachio-Katapult, das auf dem Rücken des gewaltigen Brachiosaurus montiert wird. Selbst den T-Rex haben die Wüstenreiter gezähmt.

Unsere Helden haben unterdessen nur ein Ziel: das Weltentor zu finden und in ihre Heimatwelt zurückzukehren. Die Suche nach dem Schlupfloch entwickelt sich zu einer Odyssee, auf der sie immer neue Allianzen eingehen und alle Regionen von „Paraworld” kennen lernen. Vom dicht bewaldeten Nordland führt sie ihre Reise durch öde Savannen an den Rand des Meeres, per Schiff auf dschungelbewachsene Inseln und schließlich in Eiswüsten und vulkanische Landschaften. Überall wimmelt es von Sauriern, die nur darauf warten, die Helden zu verspeisen – oder, als Vegetarier, durch ihren Vorgarten zu trampeln, was auch ganz schön nerven kann.

Mit dem Army-Controller wären die Dinos nicht ausgestorben

Wegen seines originellen Settings – und weil es seit Farcry mal wieder ein aufwändig produziertes Game aus deutschen Landen ist – wurde „Paraworld” im Vorfeld der Veröffentlichung enorm gehypt. Dabei ist es im Kern ein konventionelles Aufbau-Strategiespiel. Eines aber macht „Paraworld” besser als alle seine Vorgänger: das Einheiten-Management. Der „Army-Controller” ist ein Werkzeug, das in künftigen Games dieser Art zum Standard werden dürfte. Am linken Bildschirmrand sind alle verfügbaren Einheiten in einer fünfstufigen Pyramide aufgelistet. Jede Stufe verfügt über eine bestimmte Anzahl freier Slots, die mit Einheiten befüllt werden können – je weiter oben die Einheit steht, desto mächtiger ist sie. Stufe 1 hat 25 Slots, Stufe 2 nur noch 15, auf der dritten Ebene sind es 8 Slots, auf der vierten 3, und die Spitze der Pyramide kann mit nur einer Einheit bestückt werden. Im Laufe einer Mission lassen sich die Helden, Kämpfer und Kampf-Dinos immer weiter nach oben stufen. Dafür benötigt man „skulls”, die Währung von „Paraworld”, die man im Kampf gegen feindliche Truppen oder Dinos sammelt.

Luxus-Dinos zum Wegwerfen

Es ist natürlich sinnvoll, die Helden in der Hierarchie immer höher steigen zu lassen. Sie werden dadurch nicht nur kampfkräftiger, sondern erhalten dadurch auch eine Reihe von Spezialfertigkeiten wie Scharfschützenschuss oder Tierheilung. Auch neue Gebäude lassen sich ab den höheren Heldenstufen bauen. Allerdings sollte gut überlegt sein, welche Einheiten man in den höheren Slots unterbringt. Sonst kann es passieren, dass man erst seine teuer erworbene Allosaurus-Herde im Kampf verheizen muss, um Platz für dringend benötigte Kampf-Katamarane zu schaffen.

Der Army-Controller nimmt etwa ein Viertel des Bildschirms ein und ist daher etwas gewöhnungsbedürftig. Man kann ihn aber auch zwischenzeitlich per Tab-Taste wegklappen. Im Controller markiert man mehrere Einheiten per Auswahlrechteck oder durch Strg + linke Maustaste. Durch Doppelklick in einen Slot springt die Ansicht direkt zur betreffenden Einheit. Der Controller zeigt auch an, was eine Einheit gerade tut – ob sie kämpft, baut oder faul vor sich hindöst – und wie viel Energie sie noch hat.

Hilfe, der Kentrosaurus steht mir auf’m Fuß!

Diese ausgefeilte Steuerung wird in den teilweise chaotischen Großschlachten bitter benötigt. Es ist dann kaum noch möglich, einzelne Einheiten in der Draufsicht auszuwählen, so dicht ist das Gewimmel. Ausgefeilte Kampfformationen gibt es bei „Paraworld” leider nicht. Allenfalls bei den Ferrnkämpfern und Katapulten herrscht eine gewisse Ordnung – sie reihen sich automatisch hinter den Nahkämpfern ein. Für mehr Übersichtlichkeit hätte man sich auch gewünscht, weiter aus der Karte herauszoomen zu können. Selbst der maximale Zoom zeigt nur einen vergleichsweise kleinen Teil des Levels.

In den Schlachten macht man immer wieder die Erfahrung, dass die teuer ausgebildten Helden erstaunlich schnell das Zeitliche segnen – da hilft oft nur ihr eiliger Rückzug. Eine andere Methode ist, sie kurz vor dem Ableben in eine höhere Stufe aufsteigen zu lassen – sie erhalten dann wieder die volle Lebensenergie. Stirbt ein Held dennoch, so kann man ihn in einer Taverne neu „anheuern”. Die Missionen lassen sich auch ohne Helden erfolgreich zu Ende bringen – komisch ist nur, dass sie in den Zwischensequenzen plötzlich wieder dabei sind.

Teufelskreis des Förderns

Etwas mühselig gerät in „Paraworld” das ständige Hin und Her zwischen Kriegsfront und Basis. Denn die Lager für Stein, Holz und Nahrung haben eine begrenzte Kapazität und müssen ständig erweitert werden, weil sonst die Produktion stockt und die Arbeiter doof in der Gegend herumstehen. Das kostet Zeit, lenkt ab und sollte in künftigen Versionen von „Paraworld” besser geregelt werden. Ein weiterer Nachteil: Mit der Zerstörung weniger Lagerstätten kann man die Ressourcenförderung fast vollständig zum Erliegen bringen. Um so wichtiger ist eine Absicherung der Basis mit Wachtürmen, Palisaden etc. . Und das wiederum kostet Ressourcen, die bei der Eroberung feindlicher Gebiete fehlen.

Ansonsten macht „Parawold” alles richtig. Übersichtliche Missionsziele, schlanke Menü-Elemente und ein moderat ansteigender Schwierigkeitsgrad machen das Erkunden der Urzeitwelt zu einem Genuss. Erreichte Sekundärziele werden mit Punkten belohnt, die man vor Beginn des nächsten Levels in Kämpfer oder Ressourcen investieren kann.

Fliegende Raptoren-Eier

Sehr originell sind die Erweiterungen, mit denen man seine Kämpfer und Saurier aufrüstet. Der gewaltige Triceratops lässt sich mit Bogenschützen bestücken, der Ankylosaurus schleudert wahlweise Steine oder Raptoren-Eier. Torpedoschildkröten stürzen sich in Kamikaze-Manier auf gegnerische Schiffe, und Wassersaurier werden in Kombination mit Technik zu gefährlichen U-Booten. Auf Flugsaurier haben die Programmierer vorerst verzichtet – die erwarten uns dann wohl im ersten Add-On.

Auch aus der Nähe betrachtet sehen die Einheiten noch sehr gut aus. Was man auch von den detailreichen Landschaften behaupten kann, die ihre ganze grafische Pracht allerdings erst bei hoher Rechnerleistung entfalten. Es ist schon ein majestätischer Anblick, eine Herde Mammuts durch die weite Steppe schreiten zu sehen, während im Hintergrund schroffe Berge in die Wolken ragen. Der monumentale Soundtrack tut ein Übriges, dem Spieler echte Urzeit-Atmosphäre zu vermitteln. Die Synchronsprecher machen ihre Sache gut und hauchen den Helden viel Leben ein.

Fazit: Ein spannendes Strategie-Abenteuer mit kleinen Schwächen im Aufbau, das mit origineller Story, prachtvoller Grafik und anspruchsvollen Missionen zu glänzen weiß.

Titel: Paraworld
Genre: Echtzeitstrategie
Wertung: Sehr gut
Hersteller: SEK Ost
Publisher: Sunflowers
System: PC

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