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Print und Online : Die Dinge verstehen – und liberal streiten

04.10.2009 00:00 UhrVon Markus Hesselmann
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Die Online-Redaktion. Hintere Reihe (von links): Henning Onken, Markus Hesselmann, Simon Frost, Sven Malzahn. Mittlere Reihe: Anna Sauerbrey, Carsten Kloth, Sylvia Vogt, Vordere... - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im neuen, großen Newsroom des Tagesspiegels arbeiten sie Hand in Hand: die Redaktionen der gedruckten und der Online-Ausgabe. Und die Leservertreter von der Online-Community sind mittendrin.

„Die Kontroverse eskalierte rasch, gewann an Ranküne und verlor an Substanz, wie es bei öffentlichen Debatten in Deutschland oft der Fall ist.“


Diesen Satz schreibt Fritz Stern über den Streit nach Martin Walsers Paulskirchen-Rede über die vermeintliche Instrumentalisierung des Holocaust als „Moralkeule“. Gegen Ende seiner Autobiographie „Fünf Deutschland und ein Leben“ kommt Stern, der deutsch-amerikanische Historiker, der als Jude vor den Nazis fliehen musste, noch einmal auf seine – womöglich unrealistische – „Hoffnung auf eine liberalere Streitkultur“ zurück. Kann das Internet helfen, diese Hoffnung zu erfüllen? Jürgen Habermas ist vorsichtig optimistisch: „Tatsächlich hat ja das Internet nicht nur neugierige Surfer hervorgebracht“, schreibt der Philosoph, „sondern auch die historisch versunkene Gestalt eines egalitären Publikums von schreibenden und lesenden Konversationsteilnehmern und Briefpartnern wiederbelebt.

“ Wirkung „außerhalb der virtuellen Welt“ entfalteten derzeit allerdings bestenfalls „jene news groups, die sich um einzelne Presseorgane und deren Veröffentlichungen kristallisieren“.

Uns vermeintlichen Dinosauriern von der klassischen Presse kommt demnach eine neue, belebende Funktion zu: Wir informieren, kommentieren und unterhalten nicht nur, wir bieten – zunehmend und weit über die herkömmlichen Leserbriefseiten hinaus – der öffentlichen Debatte eine Plattform, die andere so nicht bieten können. Unsere Texte bilden dabei den Ausgangspunkt und Fokus kontroverser Diskussionen unter den Lesern. Doch wir wollen mehr. Wir wollen den Diskurs mit unseren Lesern deutlich verstärken. Und deshalb nutzen wir den Umzug, um die Community – so der Fachausdruck für die Online-Leser, die sich an unseren Diskussionen beteiligen, und die Moderatoren, die diese Diskussionen leiten – noch näher an die Redaktion heranzubringen. Unsere Community wird künftig direkt im neuen Newsroom vertreten sein, dem Herzstück der Tagesspiegel-Redaktion – Print und Online.

Im neuen, größeren Newsroom sitzen die Leiter und Blattmacher der einzelnen Ressorts – Politik, Berlin, Wirtschaft etc. –, also die Redakteure, die für die Auswahl, Gewichtung, Aufteilung und Bearbeitung (das „Redigieren“) der Texte in der Zeitung verantwortlich sind. Im Newsroom wird die Fotoredaktion vertreten sein ebenso wie die Artdirektion, die sich um die Gestaltung der Seiten kümmert. Die Infografiker, die Diagramme und Karten erstellen, haben hier genauso ihren Platz wie die Chefs vom Dienst, die unter anderem für die Aufteilung der Anzeigen sowie den organisatorischen Ablauf des Redaktionsprozesses zuständig sind. Und hier sitzt ab sofort die gesamte Online-Redaktion samt Community-Leitung und -Moderatoren. Sie alle gruppieren sich um die Chefredaktion, die im Newsroom ihren zentralen Platz hat und für die gesamte Zeitung die Verantwortung trägt.

„Die direkte Anbindung ist einfach die smartere Konstellation“, sagt Wolfgang Blau, Chefredakteur unseres Kooperationspartners „Zeit Online“, und lobt: „Die Printredakteure beim Tagesspiegel sind ehrlich gesagt noch viel online-affiner, als wir das anfangs erwartet haben.“ Es gebe hier nicht wie anderswo die typischen, grundsätzlichen Vorbehalte gegen das Medium Internet. „Das entscheidende Kriterium für die erfolgreiche Verzahnung von Print und Online bei einer Tageszeitung sind die kurzen Wege“, sagt Blau, der mit seinem Team mit uns an den Askanischen Platz zieht.

Mit der Politik der ganz kurzen Wege wollen wir effektiver und schneller werden. Die vielen exklusiven Nachrichten zum Beispiel, die der Tagesspiegel täglich herausgibt, werden künftig ihren Weg auf unsere Internet-Seite noch schneller finden. Und die Online-Redaktion kann die Stärken des digitalen Mediums noch effektiver ausspielen, das heißt, die Themen des Tages mit interaktiven Grafiken, Online-Bildergalerien und Video-Clips weiterzuentwickeln. Es lohnt sich also, immer wieder bei Tagesspiegel.de vorbeizuschauen.

In der Zeitung werden die Nachrichten dann vertieft – und vor allem: noch geordneter und strukturierter, als es das weitläufige Medium Internet kann. Es lohnt sich also, den Tagesspiegel in seiner Print-Ausgabe zu kaufen und zu abonnieren. Beim Tagesspiegel ergänzen sich Print und Online.

Doch bei aller vor allem im Online-Journalismus gebotenen Eile: Eine eiserne Regel hat für uns auch im Cyberspace absoluten Vorrang: „Get it first, but get it right first.“ Wir wollen eine Nachricht zuerst haben, aber wir wollen zuerst sicher sein, dass sie korrekt ist. Für eine Qualitätszeitung ist diese an sich selbstverständliche journalistische Maxime noch einmal wichtiger geworden in Zeiten des Hörensagens, das ungeprüft in Blogs und Internet-Foren kursiert, als wäre es Tatsache, sowie unzuverlässiger oder bewusst irreführender Twittereien wie zuletzt wieder bei vermeintlich wissenschaftlichen Prognosen zum Ausgang der Bundestagswahl schon vor Schließung der Wahllokale.

Dazu noch ein Beispiel, der „Bluewater-Fake“: Mit einer gefälschten Meldung über einen angeblichen Anschlag in dem kalifornischen Ort Bluewater gelang es dem Regisseur Jan Henrik Stahlberg unter anderem die Deutsche Presseagentur zu düpieren. Wir hatten früh Zweifel und veröffentlichten die Nachricht nach eingehender Prüfung und Recherche nicht auf Tagesspiegel.de. Um unseren Lesern unseren Umgang mit der Geschichte transparent zu machen, haben wir dazu ein Protokoll in eigener Sache ins Netz gestellt. Damit wollten wir zeigen, dass wir professionell arbeiten, aber uns bestimmt nicht für unfehlbar halten.

Häme gegenüber den Kollegen von dpa ist jedenfalls nicht angebracht. Immerhin haben sie bei der kalifornischen Polizei eine Bestätigung eingeholt. Allerdings waren die Herren am anderen Ende der Leitung keine Polizisten, sondern gehörten zur Stahlberg-Crew. Und Bluewaters Internet-Seite, der dpa die Telefonnummer der örtlichen Polizei entnommen hatte, war auch eine Fälschung. Am Ende hat der Coup des Regisseurs dazu geführt, dass dpa nun neue Richtlinien zur Internet-Recherche aufgelegt hat, und hatte insofern sein Gutes.

Wenn wir dann aber sicher sind, dass die Nachricht stimmt und den entsprechenden Text online gestellt haben, dann bitten wir Sie, liebe Leser, zum Diskurs. Schon jetzt schalten sich nicht nur unsrere Moderatoren, sondern auch Tagesspiegel-Autoren regelmäßig in die Debatten ein. Das wollen wir noch deutlich erweitern. Schon seit einiger Zeit beginnen unsere morgendlichen Konferenzen in der Online-Redaktion mit einer Zusammenfassung der Debatte im Netz. Derweil wird unsere Community immer größer. Kritik, Lob und Anregungen unser Leser nehmen deutlich zu und werden zum immer wichtigeren Beitrag zu unserer täglichen Themensuche.

Bei der Qualität der Debatte im Netz können wir – durchaus im Sinne Fritz Sterns – aber noch einiges verbessern. Neben vielen konstruktiven, argumentativen, thematisch weiterführenden – und immer gern Tagesspiegel-kritischen – Beiträgen gibt es leider auch Unterstellungen, Pauschalisierungen und Herabwürdigungen.

Hier würden wir gern noch stärker moderierend eingreifen, wie dies inzwischen auch immer öfter von Lesern gefordert wird. Diese neue Qualität der Debatte wollen wir nicht von oben herab, sondern im Einvernehmen mit unseren Lesern erreichen. Deshalb starten wir dazu – als ersten Schritt – in der Community eine Umfrage. Bitte stimmen Sie ab, bitte diskutieren Sie mit! Bitte klicken Sie hier.

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