Pro Evolution Soccer 6 : Spaß beim Grätschen

Die Fußball-Simulation für wahre Fußball-Fans geht in eine neue Runde. Was Adriano und Co. diesmal dazu gelernt haben, verrät unser Test.

Achim Fehrenbach

Seit Jahren liefern sich EA und Konami einen Wettlauf um die bessere Fußball-Simulation. Es ist ein Kampf um Moves, Spielernamen, Ballphysik und die Echtheit von Ronaldos Hasenzähnen. Manchmal fragt man sich, wohin dieses Rennen eigentlich noch führen soll. Müsste Realismus in diesen Spielen nicht einmal radikal anders definiert werden als über Original-Spielernamen oder doppelte Übersteiger? Würden wir Fußball-Realität danach bemessen, wie sie uns jedes Wochenende in der Sportschau präsentiert wird, dann sollten Konami und EA vielleicht mal ernsthaft über eine Schwalbentaste, eine Trainer-Ausflipp-Kombo oder einen Bierbecher-Wurf-Shortcut nachdenken.

Der arme DFB-Präsident Theo Zwanziger könnte wohl nicht mehr schlafen, wenn hunderttausende Fußball-Kids in Deutschland plötzlich mit großem Vergnügen Fouls simulieren würden. Deshalb halten sich Konami und EA lieber an die Weisheit von Hansi Küpper, dass nämlich Fußball kein Spiel der Konjunktive ist, und wursteln weiter an ihren zahllosen Simulationsbaustellen. Glaubt man den Games-Kritiken zum gerade erschienenen „Pro Evolution Soccer 6”, dann ist Konami dem idealen Spiel damit ein gutes Stückchen näher gekommen.

Internationale Härte

Und tatsächlich wurden viele kleine Bugs, die einem nach tagelangem Spiel wie riesiger Bug-Mist erschienen, „ausgemerzt”. Los geht's mit den Schiedsrichter-Entscheidungen: Die Herrschaften sind weit weniger pingelig und pfeifen nicht mehr jedes Tackling sofort ab. Endlich kann man auch mal mit einer beherzten Grätsche den Ball erobern oder mit einem kleinen Rempler den entscheidenden Meter gewinnen - „internationale Härte” eben. Richtig böse Fouls werden aber nach wie vor geahndet. Grätschen von hinten geben bis Stufe 3 („Fortgeschrittener”) meistens Gelb, ab Stufe 4 („Profi”) häufig auch Rot. Insgesamt gibt es deutlich weniger Elfmeter als in der Vorversion.

Es hat sich noch mehr getan. Die Angreifer stehen nicht mehr so oft im Abseits. Stattdessen laufen sie quer und bleiben geschickt einen Schritt vor dem letzten Verteidiger, reagieren aber schnell, wenn man einen Pass in den freien Raum spielt. Auch Pässe auf die Flügelspieler kommen jetzt häufiger an, das Problem mit der Ballannahme in Seitenaus-Nähe hat Konami behoben. Die packenden Torraum-Szenen - das große Plus gegenüber der Konkurrenz - haben noch zugenommen. Einerseits können die Torhüter scharfe Schüsse oft erst im Nachfassen klären, andererseits setzen die Stürmer viel energischer nach, was zu Pressschlägen und Bogenlampen führt.

Mangelnde Chancenauswertung

Der „Kuranyi-Faktor” ist aber nach wie vor sehr hoch. Stürmer schießen den Ball völlig freistehend aus drei Metern über das Tor, bekommen die Kopfbälle nicht gedrückt oder jagen Distanzschüsse unters Stadiondach. Drehschüsse landen häufig auf der Tribüne, Lupfer verdächtig oft an der Querlatte. Diese mangelnde Chancenauswertung kann gerade Neueinsteiger schnell zur Verzweiflung und damit zur Konkurrenz treiben. Aber wenn man sich ein durchschnittliches Bundesliga- oder Länderspiel anschaut, fallen da auch nicht mehr Tore.

A propos Bundesliga: Im Vorfeld der PES6-Veröffentlichung gab es ja riesigen Ärger um die Lizenzen. Konami bot ja stets nur abgewandelte Team- und Spielernamen an, weil EA die Rechte auf die Original-Namen besitzt. Im mitgelieferten Editor ließen sich die Namen aber auch bei PES anpassen. Damit ist jetzt Schluss: Nachdem EA mit Klage drohte, nahm Konami notgedrungen die Bundesliga aus dem Spiel heraus. Immerhin ergatterte Konami die Lizenz für Bayern München, ManU, Arsenal und andere Top-Clubs. Kaum Abstriche gibt es bei den Lizenzen für die National-Teams.

Fazit: Das ewige Rennen der Konkurrenten geht weiter. EA konnte im Lizenz-Streit am Ende noch einige Punkte machen, bleibt aber in Sachen Spielerlebnis mit „Fifa 07” weit hinter PES6 zurück. Konami-Programmiergott „Seabass” Takatsuka hat die Ecken und Kanten der Vorversionen erfolgreich abgeschliffen, herausgekommen ist eine nahezu perfekte Fußball-Simulation. Wer will schon eine Schwalben-Taste?

Titel: Pro Evolution Soccer 6
Genre: Sport-Simulation
Wertung: Sehr gut
Hersteller: KCE TYO
Publisher: Konami
System: PC, PS2, Xbox 360

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