re:publica 2009 : Der Graben zwischen Offline und Online

Die Berliner Bloggerkonferenz re:publica zeigt: Alte und neue Medien haben ihren Streit um Qualität und Sinn noch immer nicht überwunden

Kai Biermann

Konferenzen haben viele Funktionen. Sie sind Treffpunkt, Marktplatz und Selbstbestätigung. Und sie taugen dazu, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie es einer Szene so geht. Die re:publica in Berlin informiert, was die deutschen Blogger für wichtig halten. Das Motto: "Shift happens". Veränderung also. Doch der erste Tag lässt eher vermuten, dass in den vergangenen Jahren nicht viel passiert ist.

Gemein? Ungerecht? Angesichts der Tatsache, dass Blogs längst in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, dass sie ihr eine laute Stimme geben, bestimmt. Aber die bisher auf der Konferenz geführten Debatten lassen keinen anderen Schluss zu. Sie hätten so auch vor einem Jahr stattfinden können. Oder vor zweien. Haben sie auch.

Der Graben neue versus alte Medien ist noch lange nicht zugeschüttet. Man warf sich gegenseitig fröhlich Borniertheit vor, beschrieb die Fehler des jeweils anderen und übersah die Gemeinsamkeiten. Die Medien sind Schuld am miesen Image der Blogger, sagte der Blogger Robert Basic. Sie hätten sie runtergeschrieben. Die Blogger sind Schuld, sie machten zuviel Mist, sagte Helmut Lehnert vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Und so weiter.

Bestes Beispiel für die noch längst nicht überwundenen Nickligkeiten zwischen den beiden Kulturformen Offline und Online war Jakob Augstein. Er war immerhin mit der Wochenzeitung Freitag und der dazugehörenden Netzseite angetreten, beide Welten miteinander zu verbinden. Im Internet fehlten die Institutionen, die Kontrollmechanismen, die es im Medienbereich seit langem gebe, lautet Augsteins Fazit. Daher erlange es auch keine Relevanz.

Ähnlich die kurze Debatte zwischen Lehnert und Peter Hogenkamp vom Blogverlag "Blogwerk" über eine technische Spielerei, die Twitterwall – also Zwischenrufe des Publikums (aufgrund technischer Probleme per SMS), dargestellt auf einer Videoleinwand hinter dem Podium. Hogenkamp fand das toll: "Konferenzen haben enorm gewonnen, da man denen da vorne sofort sagen kann, was man von ihnen hält." Das sei doch ein echter Medienwandel. Lehnert dagegen hielt die Twitterwand für eine "relativ unfaire Geschichte". Da werde man quasi hinterrücks vom Publikum angegangen und könne gar nicht reagieren. SMS-Kommentar aus dem hinterhältigen Publikum: "Heul doch."

Dabei sind nicht die Argumente erstaunlich, nicht die Vorwürfe wie: "im Internet muss man sich durch zu viel Müll graben" und "die Medien haben versagt". Erstaunlich ist, dass es sie immer noch gibt, dass sie ernsthaft die Debatten auf einer Veranstaltung bestimmen, die sich mit der Zukunft des Publizierens beschäftigen will.

Vielleicht stimmt, was ein Zuschauer an die Twitterwall schrieb, dass zwischen Podium und Publikum "ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum" existiert, dass also die Einstellungen derer, die sich täglich mit dem Medium befassen, längst weiter sind als die der üblichen Verdächtigen auf der Bühne.

Vielleicht aber stimmt auch, was der amerikanische Blogforscher John Kelly in seinem Beitrag sagte. Die deutsche Blogosphäre sei der amerikanischen sehr ähnlich – der vor einigen Jahren. Vieles von der derzeitigen Fokussierung der Deutschen im Netz "haben wir in den USA auch gesehen", sagte Kelly, der Blogwelten verschiedener Kulturkreise untersucht. "In einer frühen Phase."

Quelle: ZEIT ONLINE

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