Re:publica : „Globalisierte Dummheit“

Peter Glaser und die Blogger: Das Internet nimmt niemandem das Lesen und Nachdenken ab.

Sylvia Vogt

In was für einer digitalen Welt wollen wir leben? Dieser Frage ging Peter Glaser am Donnerstag in seinem Vortrag auf der „re:publica“ nach. Noch bis Freitag diskutieren im Berliner Friedrichstadtpalast und in der Kalkscheune rund 1600 Blogger und Online-Aktivisten.

Peter Glaser, Schriftsteller, Ehrenmitglied im Chaos-Computer-Club und scharfsinniger Beobachter des digitalen Wandels, leitet seinen Vortrag mit einem Bild von George Bernard Shaw ein: Wenn zwei Menschen jeweils einen Apfel haben und diesen tauschen, hat immer noch jeder einen Apfel. Wenn zwei Menschen jedoch jeweils eine Idee haben und diese tauschen, haben beide zwei Ideen. Das Internet ist die Ideentauschbörse par excellence. Doch mehr Ideen schaffen auch mehr Probleme. Ein Reichtum an Problemen aber, so Glaser, kann auch einen Reichtum an Kultur bedeuten. Intelligente Lösungen sind gefragt.

Eines der Probleme ist der Angriff auf das Individuum und die Privatsphäre. Staat und Unternehmen versuchen, Bürger und Mitarbeiter immer stärker zu kontrollieren, gerade im Netz. Der Datenskandal bei der Deutschen Bahn ist das jüngste Beispiel. Interessanterweise reagieren viele im Netz nicht durch einen Rückzug in die Anonymität. Im Gegenteil: „Unsere Gesellschaft scheint von der unbändigen Lust an der Geheimnislosigkeit gepackt zu sein“, sagt Glaser. In sozialen Netzwerken, über Twitter oder in Blogs wird freizügig und regelmäßig über Befindlichkeiten, den Beziehungsstatus oder den Ärger mit dem Chef berichtet. Forscher haben herausgefunden, dass diese „schwachen Bindungen“, die dort entstehen, sehr wohl eine positive soziale Funktion haben können. Sie versorgen die Nutzer mit neuen Perspektiven, die der enge Freundeskreis nicht bietet. Dort kennt man sich einfach schon zu gut.

Wir leben in einer Zeit des Übergangs, sagt Glaser. Und dieser ist gekennzeichnet von einer Beschleunigung, die vielen Angst macht. Allgegenwärtig sind die Klagen über die „Geistesmülllawinen“, die durch das Internet wabern sollen. Doch Glaser ist kein Internetpessimist. Im besten Fall schaffe die Netzgemeinde schnell und unbürokratisch Abhilfe: FAQs helfen Neulingen in Foren und Communitys, ehrenamtliche Moderatoren filtern Beiträge, die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist ein Beispiel für ein gelungenes Gemeinschaftsprojekt.

Wohin wird die Reise gehen? Neue Netze schaffen neue Möglichkeiten, Glaser beschreibt das mit einem Rückgriff auf das alte Ägypten und die Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Wissen wird plötzlich für viele zugänglich und so der Nährboden der Revolution. Dazu sei es aber notwendig, dass das Projekt der Aufklärung engagiert weiter betrieben wird. „Die Globalisierung der Dummheit macht erstaunliche Fortschritte“, so Glaser. Sich Wissen anzueignen, bleibt anstrengend, egal, wie zugänglich es ist. Lesen und Nachdenken nimmt auch das Internet niemandem ab. Nach Glasers Ansicht wird sich besonders die Kultur des Meinens fundamental ändern. Die „Medienaristokratie“ verliert ihre Vormachtstellung. Die Position der Mediennutzer wird nicht mehr nur in handverlesenen Leserbriefen sichtbar, im Internet kann jeder kommentieren, ungefiltert, streitbarer, freier.

Ein Schreckgespenst malt Glaser aber doch: die Dominanz von Google. Da müsse dringend eine Alternative her: „Ich möchte in einer digitalen Welt leben, in der nicht eine einzige Firma nach intransparenten Kriterien darüber bestimmen kann, ob und wo etwas in einer Trefferliste auftaucht und sich das zum Beispiel auf Wohl und Wehe einer Biografie oder einer wirtschaftlichen Existenz auswirkt.“ Der Wikipedia-Gedanke hilft allerdings nicht weiter. Jimmy Wales hat seine Suchmaschine Wiki Search gerade eingestellt. Sylvia Vogt

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