Serien-Adaptionen : Das Grauen aus den Achtzigern

Vor zwanzig Jahren krochen sie als Pixelbrei über den Bildschirm - heute werden sie ihren Vorbildern immer ähnlicher: Helden aus Fernsehserien, die in Computerspielen eine zweite Heimat gefunden haben. Aber kann ein Spiel auch den Reiz einer TV-Serie einfangen? Ein Gespräch mit dem Filmwissenschaftler Andreas Rauscher.

Achim Fehrenbach
Miami Vice
Macht was her: Die Verpackung des Spiels "Miami Vice" von 1986. -Foto: Promo

Wann ging es mit Computerspielen zu TV-Serien los?



In den frühen achtziger Jahren wurde die Markttauglichkeit von bekannten Serien-Lizenzen entdeckt. Einige Software-Firmen sorgten durch schnell produzierte Spiele aber dafür, dass Games zu TV-Serien noch heute einen umstrittenen Ruf haben.

Warum?

Die Schuld trägt insbesondere eine britische Software-Firma namens Ocean. Sie tat sich zwar durch sehr innovative Games wie Wizball hervor. Gleichzeitig produzierte sie aber am laufenden Band Games zu Fernsehserien und Filmen, die meist Imitate von erfolgreichen anderen Spielen waren - bloß mit aufgeklebten Lizenz-Slogans. Im Gameplay und im gesamten Design fielen sie äußerst dürftig aus. Heutzutage sind sie in erster Linie als Trash-Dokumente einer vergangenen Zeit interessant.

Zum Beispiel?

Es gab ein Spiel zur Fernsehserie "Miami Vice". Eigentlich sollte man aus Top-Down-Perspektive auf Gangsterjagd gehen. Aber man kam nicht mal um die nächste Kurve, weil das Auto bei Berührung des Gehsteigs explodierte. Es war also schon ein Triumph, wenn man überhaupt mal einen Gangster traf.
Inzwischen geben sich die Hersteller doch etwas mehr Mühe. Da die Begeisterung für Videospiele immer größer wird, gibt es einige ganz lobenswerte Versuche, vernünftiges Gameplay und die Attraktivität einer Fernsehserie zusammen zu bringen. Was am Anfang nur als Begleitprodukt betrachtet wurde - wie die Kaffeetasse zur Fernsehserie - ist inzwischen so wichtig geworden, dass man sich wenigstens halbwegs bemüht, entweder Autoren der Serien in das Game-Design einzubeziehen oder auch versucht, den einen oder anderen Schauspieler aus der Serie als Sprecher für das Spiel zu gewinnen. Aber es ist noch ein langer Weg, bis sich das wirklich produktiv ergänzt.

Was waren die ersten gelungenen Adaptionen?

Bei den Star-Trek-Games aus den frühen Neunzigern, "Next Generation - A Final Unity" und "25th Anniversary", konnte man endlich alle möglichen Planeten anfliegen und die verschiedenen Seitenarme des Serien-Universums erkunden - ohne eine fest vorgegebene Handlung und ohne dass man nur 08/15-Space-Shooter nachspielte. Erfreulicherweise wurde zumindest versucht, Spielszenarien zu entwerfen, die Dramaturgie und besondere Kennzeichen der Serie einzufangen.

Was erwarten Serien-Fans von einer Adaption?

Das kommt auf den Spielertypus an. Bei Star Trek hat die Umsetzung damals deswegen so gut funktioniert, weil die Serien-Fans, die sich das Spiel kauften, hohe Ansprüche hatten. Leider funktioniert das inzwischen längst nicht mehr so gut. Die letzten Star-Trek-Spiele waren ziemlich schauerlich.
Neben den gelungenen Film- und Fernsehadaptionen gibt es immer einen Bodensatz. Die Hersteller dieser Games spekulieren darauf, dass die Spieler einfach blind zugreifen, weil sie Fans der Serie sind und auf den Wiedererkennungswert der Marke reagieren. Für die berüchtigten Spiele aus den achtziger Jahren war übrigens typisch, dass es meist keine Screenshots aus dem Spiel auf der Packung gab, sondern nur irgendein Logo aus der Fernsehserie.

Welchen Spielen gelang es, die Originalhandlung einer Serie weiterzuentwickeln?

Das war in erster Linie bei Games möglich, die in stark expandierenden Universen wie Star Trek angelegt waren. Es wurden Episoden entwickelt, die nicht auf Fernsehvorlagen basierten, die man aber ohne weiteres als eigenständige Folge hätte verfilmen können.
Einer der bekanntesten Fälle in den Neunzigern war ein Grafik-Adventure zu "Akte X". Darin kamen die Hauptfiguren Mulder und Scully - synchronisiert von den Schauspielern David Duchovny und Gillian Anderson - lediglich als Nebenfiguren vorkamen. Man konnte in der Rolle eines FBI-Agenten weitere mysteriöse Fälle erkunden.

Gibt es Spiele, bei denen die Handlung der Serie vorweggenommen oder gar durchkreuzt wird?

Das passiert in den wenigsten Fällen. Man müsste schon versuchen, das umzusetzen, was der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins "transmedia storytelling" nennt: Dass also Fernsehserie und Videospiel und am besten auch noch ein Comic oder ein Roman sich gegenseitig ergänzen und man auf diese Weise eine komplexere Handlung hinbekommt.
Ich glaube, der Status von Computerspielen ist noch nicht hoch genug. Zwar werden ganz nette eigenständige Geschichten erzählt. Beispielsweise ist das Game "24" zwischen zwei Staffeln der TV-Serie angesiedelt. Aber es wird dann schon meistens von den Produzenten und den Lizenzgebern darauf geachtet, dass nichts von der Serien-Handlung vorweggenommen wird. Bei Kinofilmen werden bereits eingestellte Serien aber immer häufiger als Computerspiel fortgesetzt. Beispiele sind der seit Jahren geplante dritte Teil von "Ghostbusters" und der vierte Teil von "Mad Max".

Zu welcher TV-Serie wünschen Sie sich ein Computerspiel?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass man beispielsweise zu "Firefly" mal ein vernünftiges Spiel produziert und die Serie, die über den Kinofilm "Serenity" nicht hinauskam, weiter fortsetzt. Die Mischung von Western und Science-Fiction war doch eine sehr reizvolle Idee, die auch gute Ansatzpunkte für ein Gameplay der ausgefallenen Art bietet.

Serien-Adaptionen sind ja meistens First-Person-Shooter oder Point&Klick-Adventures. Wäre auch eine Adaption als Massen-Multiplayer-Online-Spiel à la "World of Warcraft" denkbar?

Bei Star Trek würde es mit Sicherheit klappen. Allerdings ist in dem Fall die Entwicklung eingestellt worden, weil der Hersteller die Konkurrenz von "World of Warcraft" fürchtete.
Grundsätzlich kann die Umsetzung als Online-Welt nur dann funktionieren, wenn die TV-Serie ein ganzes Universum entwirft, in dem man auch Handlungsstränge unterbringen kann, die sich von der Serie lösen. Ein Online-Spiel zu "Lost" würde so nicht funktionieren. Denn wenn man 8.000 Abonnenten hat, und alle 8.000 sollen auf der gleichen Insel gestrandet sein, dann hat man ein Problem - sowohl spielerisch als auch dramaturgisch. "World of Warcraft" ist ja eher wie ein Vergnügungspark organisiert.

Ihre Meinung zum kürzlich erschienenen "Simpsons"-Spiel?

Das ist einer der erfreulichen Ausnahmefälle, weil darin wirklich versucht wird, die Selbstironie und den Anspielungsreichtum der Serie auf das Computerspiel zu übertragen. Es wird nicht nur Bezug auf Ereignisse aus der Serie genommen. Es werden auch verschiedene Game-Parodien nach Springfield verlegt.

Andreas Rauscher
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Filmwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Promotion über Das Phänomen Star Trek (Mainz 2003). Zahlreiche Artikel zu Film, Videospielen und Popkultur.

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