Simulatoren : Die große Landlust

Spiele gelten als Alltagsflucht: Bei den beliebten Simulatoren scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Ganz vorn liegt dabei der "Landwirtschafts-Simulator 2013".

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Überbreite: Manchmal muss es eben eine Mähdrescher-Simulation sein. Foto: Promo
Überbreite: Manchmal muss es eben eine Mähdrescher-Simulation sein. Foto: Promo

Ein Sommerabend, die Luft ist noch warm. Mit akribischer Genauigkeit steuert der Bauer seinen Mähdrescher über das Weizenfeld. Fährt die Geraden sorgsam ab, damit keine Getreidehalme stehen bleiben. Achtet dabei auf Geschwindigkeit, Tankfüllung und verbleibende Ladekapazität. Verfrachtet den Weizen behutsam auf einen Anhänger, der am Rande des Feldes wartet. Und tuckert dann gemächlich über die Landstraße in Richtung Scheune. Für Bauern ist die Ernte Alltag. Ackerbau und Viehzucht kann man allerdings auch im Computerspiel erleben: Die eingangs beschriebene Routine stammt aus dem „Landwirtschafts-Simulator 2013“ des Schweizer Studios Giants Software.

Das Spiel ist auf PC, Mac und Konsolen enorm erfolgreich, es hat sich mehr als 1,25 Millionen Mal verkauft. Auch die iOS-Variante („LS 2012“) kommt schon auf 800 000 Downloads. Der „Landwirtschafts-Simulator“ ist unangefochtener Spitzenreiter einer ganzen Schar von Berufssimulationen, die sich auf dem Spielemarkt tummelt. Da gibt es Spiele für Lokführer, Busfahrer, Trucker und Flugzeugpiloten, aber auch für Feuerwehrleute, Polizeibeamte und Bauarbeiter. Und natürlich so exotische Produkte wie den Holzfäller-, den Müllabfuhr- und den Kehrmaschinen-Simulator.

Gemeinhin gelten Games als Alltagsflucht: Wir tauchen in fantastische Welten ein, um Drachen zu besiegen, Rätsel zu lösen und Schätze zu heben. In den erfolgreichsten Spieleserien agiert man wahlweise als Supersoldat, als Fußballstar oder als lianenschwingende Grabräuberin. Offenbar gibt es aber auch reichlich Spieler, die am Computer ganz Alltägliches erleben möchten. Nur: Was ist so spannend daran, einen Acker zu pflügen, die Straße zu kehren oder eine Haltestelle nach der anderen abzuklappern? Warum sollte man in seiner Freizeit stundenlang über virtuelle Autobahnen brettern oder aber geduldig Gleise verlegen, über die dann nur virtuelle Züge fahren?

„Bei unserem Landwirtschafts-Simulator liegt ein Schwerpunkt bei Jungen zwischen zehn und 17 Jahren“, sagt Dirk Walner, Geschäftsführer des Mönchengladbacher Publisher Astragon. „Dann gibt es natürlich die ,großen Jungs’, die oft schon Väter sind und die Simulationen sowohl mit ihren Kindern als auch allein spielen.“ Die Spieler legen großen Wert auf originalgetreu nachmodellierte Fahrzeuge und Maschinen. „Wir arbeiten deshalb mit Markenlizenzen.“ So kann man beispielsweise im „Bau-Simulator“ (iOS, Android) zwischen Kränen, Baggern und Lkws bekannter Hersteller wählen.

Die Spieler können diese gewaltigen Maschinen gefahrlos ausprobieren. Dass das nur virtuell stattfindet, stört sie kaum. Simulationsspiele sind zeitgenössische Pendants von Modelleisenbahnen und Matchbox-Autos, bei älteren Spielern wecken sie Kindheits- und Jugenderinnerungen. Beim „Landwirtschafts-Simulator“ kommt bis zu einem Drittel der Käufer selbst aus dem landwirtschaftlichen Bereich. Diese Käufer suchen also genau das, was sie schon im Berufsalltag haben – mit dem feinen Unterschied, dass sie sich digital ganz ohne Konsequenzen austoben können. Ein Trucker befährt im Alltag vielleicht nur wenige Strecken. Im „Euro Truck Simulator 2“ jedoch kann er neue Routen, Lkws und Transportgüter ausprobieren. Die Fracht rechtzeitig abliefern, die Tankkosten gering halten: Solche Missionsziele mögen Spielern von Action-Games zwar langweilig erscheinen. Für Lkw-Fahrer könnte sie aber relevanter nicht sein.

Die Firma Aerosoft hat sich auf Simulatoren mit hohem Anspruch spezialisiert: Wer im „Flight Simulator X“ eine Boeing starten will, muss üben, üben und nochmals üben. Die Steuerung ist ähnlich komplex wie bei einem echten Passagierflugzeug. Um die Illusion zu verstärken, bauen sich manche Fans echte Cockpits. Fortgeschrittene Kenntnisse braucht man auch für den „Omnibus-Simulator 2“, der als Schauplatz das Berlin der Nachwendezeit hat. Andere Hersteller suchen einen Mittelweg zwischen Zugänglichkeit und Komplexität. Die Spiele von Astragon und Rondomedia haben eine vereinfachte Steuerung, die nicht bei jedem Manöver Dutzende Schaltvorgänge erfordert. Zugleich bieten Spiele wie der „Landwirtschafts-Simulator“ einen Editor, mit dem Fans eigene Fahrzeuge und Maschinen erschaffen können. Mittlerweile gibt es unzählige Fan-Kreationen, von der Friesland-Karte bis zum Gülle-Patch.

Eine Zeit lang sah es so aus, als würde das Genre immer seltsamere Blüten treiben. Zu den „Highlights“ zählte unter anderem der „Klomanager Deluxe" (2011) von Halycon Media. Aber auch durchaus ernst gemeinte Titel wie der „Kehrmaschinen-Simulator“ wurden mangels Nachfrage nicht mehr neu aufgelegt. „Wir wollen den Markt nicht überschwemmen und haben deshalb unser Programm etwas reduziert“, sagt Astragon-Chef Walner. „Titel wie den Kehrmaschinen- und den Müllabfuhrsimulator 2011 veröffentlichen wir nicht mehr separat, sondern als Teil komplexerer Simulationsspiele. Derzeit entwickeln wir einen Simulator, der alle möglichen Stadtfahrzeuge umfassen soll.“

Wer etwas Ausgefallenes sucht, wird aber immer noch fündig. Zum Beispiel bei der Satire „Robot Vacuum Simulator 2013“, die das reichlich ereignislose Leben eines kleinen Saugroboters simuliert. Oder auch der „Surgeon Simulator 2013“, der aber nichts für schwache Nerven ist. Achim Fehrenbach

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