Spieltest : "Heavenly Sword": Drama Queen

Das Action-Adventure "Heavenly Sword" für die Playstation 3 macht aus einem simplen Kampf-Spektakel ein episches Schauspiel - und setzt bei der Charakter-Darstellung in Videospielen neue Maßstäbe.

Bertram Küster
Heavenly Sword
Nariko - Hüterin des Himmlischen Schwertes. -Screenshot: Sony Computer Entertainment

Berlin"Die Regeln sind ganz einfach: Wer am Ende übrig ist, lebt. Der ganze Rest stirbt." Der finstere Tyrann Bohan bringt den spielerischen Inhalt des Action-Spektakels "Heavenly Sword" auf den Punkt. Die Heldin Nariko steht als Gefangene in einer Kampfarena einer Überzahl von Gegnern gegenüber, derer sie sich in den kommenden Minuten entledigen muss. Es ist nicht das erste Mal. Grazil turnt sie durch die Massen, wehrt Angriffe ab, kontert, attackiert die Gegner in immer neuen Varianten und Animationen. Am Ende hat sie es einmal mehr geschafft. Die Kamera zoomt auf Nariko. Die Erschöpfung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Bohan dagegen schnaubt, wütend über das Versagen seiner Gefolgschaft. Noch nie wurde Videospiel-Charakteren durch Mimik und Körpersprache so viel Ausdruck verliehen.

Zu Beginn des Spiels sehen wir Nariko auf einem gewaltigen Schlachtfeld. Das "Himmlische Schwert" entzieht ihr, so scheint es, die letzten Lebenskräfte. Dann übernimmt der Spieler ihre Rolle und spielt die letzten fünf Tage vor dieser entscheidenden, letzten Schlacht. Nariko ist die ungeliebte Tochter eines Clan-Führers, eine Außenseiterin - und wird doch zur Hoffnungsträgerin im Kampf gegen die finstere Herrschaft Bohans. Denn ihr Vater macht sie zur Hüterin des mächtigen Schwertes, in dessen Besitz Bohan gelangen will. Doch statt mit der Waffe zu fliehen, nutzt Nariko die Macht des Himmlischen Schwertes für einen Rachefeldzug gegen den Unterdrücker. Fantasy-Trash vom Feinsten.

Film im Spiel

Heavenly Sword
Der finstere Herrscher Bohan. -Screenshot: Sony Computer Entertainment.

In filmreifen Szenen mit den glaubwürdigsten digitalen "Schauspielern", die bislang in Computerspielen zu sehen waren, erzählt "Heavenly Sword" die Geschichte von Nariko - schnörkellos und gespickt mit vielen Höhepunkten. Immer wieder fasziniert die detailreiche Mimik der Charaktere, die mittels der Technik des "Motion Capturing" von den Spezialisten um Andy Serkis eingespielt wurden, der schon für Hollywood-Regisseur Peter Jackson das Gollum im "Herr der Ringe" und den Riesenaffen King Kong mimte. Kleinste Gefühlsregungen lassen sich in den Augen der digitalen Darsteller ablesen. Die überspitzte Darstellung des Bohan übertrifft dabei noch die der Nariko: Wenn der Tyrann seine kauzigen Schergen antreibt oder seine Widersacherin verhöhnt, pendelt er gekonnt zwischen Wahnsinn, Brutalität und Komik.

Auch die Kämpfe haben es in sich. Nariko kann in drei Kampfstilen kämpfen. Die Steuerung ist denkbar einfach: Zwei Knöpfe auf dem Gamepad lösen in unterschiedlichen Kombinationen diverse Attacken aus. Drückt man gleichzeitig die linke oder die rechte Schultertaste verwendet Nariko Fernangriffe oder kämpft mit besonders starken Hieben. Angriffe werden automatisch abgewehrt, wenn Nariko gerade nicht selbst attackiert. Und mit dem richtigen Timing startet die Heldin einen blitzschnellen Konterangriff. Kämpft Nariko besonders variantenreich und stilvoll werden Spezialattacken verfügbar, bei denen die Amazone einzelne Gegner in besonders spektakulären Sequenzen ausschaltet. Nariko kann zudem Gegenstände wie Stühle, Fässer oder auch besiegte Gegner hochheben und auf ihre Gegner schleudern.

 Gelegentlich wechselt der Spieler in die Rolle von Kai: Die geistig verwirrte, katzenhafte Freundin von Nariko, kämpft mit Pfeil und Bogen und weicht ihren Gegnern wieselflink mit akrobatischen Sprüngen aus. Die Fernangriffe werden fast zu einem Spiel im Spiel: Hält der Spieler den Knopf während der Attacke gedrückt, können die Pfeile durch die Bewegung des Gamepads manuell ins Ziel gelenkt werden.

Kurz, aber heftig

Heavenly Sword
Wie ein Wirbelwind. Nariko tut, was sie tun muss. -Screenshot: Sony Computer Entertainment

Das "Heavenly Sword" am Ende nicht das ganz große Spiel geworden ist, liegt daran, dass es sich zu sehr auf die grandiose Inszenierung verlässt und das eigentliche Spiel dabei etwas vernachlässigt. Denn abgesehen von den Kämpfen gibt es wenig Abwechslung. Hier ein Minispiel, bei dem man mit schnellen, vorgegebenen Knopfdrücken einen Berg hinaufklettert, dort ein Minispiel, bei dem man ganze Heerscharen mit einer Kanone zusetzt. Nur selten aber trifft Nariko auf ebenbürtige Endgegner und das dümmliche Verhalten der immer gleichen Angreifer, versucht das Spiel durch einen steten Ansturm der Massen auszugleichen.

Wenn sich Nariko am Ende durch Bohans Meute gemetzelt hat und dennoch zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufgekommen ist, verdankt das Spiel dies zum einen der packend erzählten Geschichte und zum anderen dem Umstand, dass "Heavenly Sword" ausgesprochen kurz geraten ist. Maximal acht Stunden dauert das Spektakel. Das kann man als Manko sehen, aber auch als nötigen Fokus für ein Spiel, das seinen Reiz vor allem aus der eindrucksvollen Präsentation zieht.

Fazit: Gäbe es Oscars für Videospiele, "Heavenly Sword" würde die Preise für die besten Hauptdarsteller und die beste Regie mit links einstreichen, vielleicht auch den für das beste Drehbuch. Im Bereich des digitalen Schauspielens hat bislang kein anderes Spiel ein solch hohes Niveau erreicht. Das Ziel der Macher war es, dem Spieler das Gefühl zu vermitteln, die tragende Rolle in einem Filmepos zu übernehmen. Das ist ihnen gelungen. Eine Auszeichnung für das beste Spiel bliebe "Heavenly Sword" jedoch verwehrt, denn der Aha-Effekt beim Spielen bleibt leider aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar