Staatsfeind Wikileaks : Ganz offene Gesellschaft

In "Staatsfeind Wikileaks" setzen sich die "Spiegel"-Journalisten Rosenbach und Stark mit Julian Assange auseinander und legen ihre Rolle bei der Zusammenarbeit des Magazins mit der Enthüllungsplattform offen.

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"Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren den Vorwürfen sexueller Übergriffe zu stellen?Weitere Bilder anzeigen
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16.08.2012 14:48"Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren...

Das digitale Zentralorgan ist irritiert. „Bücher scheinen immer noch den letzten Adel darzustellen, auch wenn weder die Medien noch die Akteure noch die Daten in die alte Welt des Gutenbergzeitalters zurückgedrängt werden können“, schreibt das Online-Magazin „Telepolis“ in einer Kritik des neuen „Spiegel“-Buchs „Staatsfeind Wikileaks“. „Seltsamerweise versuchen nun ausgerechnet bei Wikileaks, einem Internetphänomen und einem Produkt der digitalen Kultur, alle schnell noch ihre Bücher unterzubringen.“

Das Holzmedium schlägt zurück, da versöhnt es die Internet-Spezialisten offenbar auch nicht, dass „Staatsfeind Wikileaks“ immerhin zeitgleich als E-Book erschienen ist und auf Tabletcomputern wie dem iPad konsumierbar ist.

Schnell ist das in diesem Fall wirklich gegangen. Die „Spiegel“-Journalisten Marcel Rosenbach und Holger Stark, früherer Berlin-Redakteur des Tagesspiegel, lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Berliner „Wikileaks“-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg, dessen Insider-Sicht der Dinge jetzt auch bald in Buchform erscheint. „Wikileaks“-Gründer Julian Assange sitzt derweil an seiner Version der Geschichte der Enthüllungsplattform, die in den vergangenen Wochen und Monaten mit der Veröffentlichung vertraulicher Berichte des US-Militärs und der US-Botschaften die internationale Politik, die Diplomatie und den Journalismus aufgemischt hat.

Assange, der Hippie

Doch „Staatsfeind Wikileaks“ ist kein Schnellschuss. Rosenbach und Stark recherchieren gründlich und argumentieren überzeugend. Das Buch ist sowohl eine Reportage, in der die Autoren auch ihre Rolle bei der Zusammenarbeit des „Spiegel“ mit Wikileaks offen legen, als auch ein Essay über Journalismus und Öffentlichkeit.

Sogar ein profilierter Blogger wie Markus Beckedahl (netzpolitik.org) gibt gern zu, dass er in diesem Fall von den sonst oft kritisierten klassischen Journalisten noch etwas lernen konnte, vor allem „über die Gründungsgeschichte von Wikileaks (vor 2007)“. Der Leser erfährt viel über Assange und dessen Herkunft aus dem australischen Hippie-Milieu – oder auch, dass er schon immer gern persönliche Anliegen mit politischer Mission verknüpft. Etwa als er mit seiner Mutter Christine eine Initiative für Kinder gründet, während er selbst als junger Vater in einen Sorgerechtstreit verwickelt ist.

„Telepolis“, weist allerdings nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass der Fokus in diesem Buch wie in der gesamten Debatte womöglich zu sehr auf dem Superstar Assange liege. Der „eigentliche Held von Wikileaks“, der US-Soldat Bradley Manning, der mutmaßlich eine ganze Flut geheimer Daten an Wikileaks umleitete und jetzt in Einzelhaft sitzt, komme in der Darstellung zu kurz. Im Personenregister des „Spiegel“-Buchs bringt es Manning auf 43 von 336 Seiten, auf denen er genannt wird. „Julian Assange wird im gesamten Text genannt und wurde nicht ins Register aufgenommen“, heißt es über den Wikileaks-Gründer.

Die totale Veröffentlichung

In dem Buch geht es aber nicht nur um Meta-Debatten über Assange und Wikileaks. Die Inhalte des bislang veröffentlichten Materials werden noch einmal breit diskutiert und um Hintergründe angereichert – mit der richtigen Gewichtung. So räumen Rosenbach und Stark den Berichten über die Kriege in Afghanistan und im Irak mehr Raum ein als dem „Klatsch und Tratsch“, wie sie einen Teil der Diplomatendepeschen selbst nennen, den ihr eigenes Magazin aufs Titelblatt gebracht hat. Informationen darüber, was denn nun eigentlich mit dem Berg des noch nicht veröffentlichten Materials geschehen soll, wären allerdings hilfreich gewesen. Das fordert die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ durchaus zu Recht - in einer ansonsten eher missgünstigen Kurzkritik des Buches.

Die Repressalien gegen Wikileaks und Assange schildern Rosenbach und Stark ausführlich, sparen dabei aber die kritischen Aspekte des Projekts und seines „Chefredakteurs“ nicht aus. Zum Beispiel seine fast schon totalitär wirkende Konsequenz, die im Gespräch mit Rosenbach und Stark darin gipfelt, dass Assange im Zweifel auch die Mitgliederliste der jüdischen Gemeinde in Berlin samt Adressen ins Netz stellen würde.

Feind der offenen Gesellschaft

Auch Wikileaks-Kritiker kommen in „Staatsfeind Wikileaks“ zu Wort. Steven Aftergood, der für die Vereinigung amerikanischer Wissenschaftler ein Projekt über geheime Regierungsdokumente leitet und selbst mit zahlreichen Enthüllungen hervorgetreten ist, sieht in der wahllosen Veröffentlichung auch privater Dokumente das Hauptproblem des Projekts. Davon ausgehend, dass der Schutz der Privatsphäre wesentlich ist für eine Demokratie erklärt Aftergood Wikileaks in Anlehnung an den Philosophen Karl Popper zu den „Feinden der offenen Gesellschaft“. Eine Kritik, auf die Assange mit der Behauptung reagiert, Aftergood sehe sich „als Rivale um die öffentliche Aufmerksamkeit“. Dass womöglich jemand Argumente ins Feld führt jenseits persönlicher Kämpfe, scheint Assange nicht in den Sinn zu kommen. Das zeigt sich auch im gutsherrenhaften Umgang mit Dissidenten wie Domscheit-Berg, der unter anderem Assanges „Hybris“ anprangert.

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1 von 9Karikatur: Klaus Stuttmann
17.12.2010 10:21

Auf der anderen Seite kritisieren Rosenbach und Stark das tatsächlich peinliche Verhalten vieler Journalisten, die sich nach Wikileaks-Enthüllungen auf die Seite des Staates schlagen und denen die Regierenden mehr am Herzen zu liegen scheinen als die Regierten. „Die Solidarisierung von Teilen der medialen Klassen mit der Exekutive ist gefährlich“, warnen die „Spiegel“-Autoren. Journalisten fürchteten „um die Stabilität des Systems“, das entspreche aber gerade nicht der Rolle der Medien in einer demokratischen Gesellschaft. „Idealtypisch“ sei ihre Aufgabe vielmehr, „politisches Handeln nachvollziehbar und diskutierbar“ zu machen.

Die Königsdisziplin der Kungelei

Wer vor Jahren allerdings die Bücher der einstigen „Spiegel“-Redakteure Oliver Gehrs („Der Spiegel-Komplex“) und Hellmuth Karasek („Das Magazin“) gelesen hat, verfügt zumindest über Hinweise darauf, dass der „Spiegel“ und sein leitendes Personal selbst nicht frei davon sind, sich als Mitspieler der Mächtigen zu gerieren und mit dem Establishment gemein zu machen. Ohnehin hat der „Spiegel“ dem deutschen Journalismus die Königsdisziplin der Kungelei, das autorisierte Interview, eingebrockt. Indem Interviews vom eigentlichen Wortlaut abweichend umgeschrieben und dann dem interviewten Politiker, Wirtschaftsboss oder Sportstar zur Freigabe vorgelegt werden, entsteht eine Art Scheingefecht, eher vergleichbar mit amerikanischem Wrestling als griechisch-römischem Ringen. Diese Unsitte wird im deutschen Journalismus seit Jahrzehnten als Routine verstanden und von immer professionelleren PR-Abteilungen ausgenutzt.

Es wäre ein starkes Signal, wenn der „Spiegel“ sich im Zuge der aktuellen Debatten um Transparenz und die Rolle der Medien an die Spitze einer Anti-Autorisierungsbewegung setzen würde. Dann hätten auch kleinere Zeitungen die Chance, vom Autorisierungswahn abzurücken, ohne fürchten zu müssen, künftig keine Interviews mehr zu bekommen.

Einem klassischen Ansatz der „Spiegel“-Kritik liefern Rosenbach und Stark keine neuen Argumente. „Staatsfeind Wikileaks“ ist kein weiteres Beispiel für den seit Hans-Magnus Enzensbergers Streitschrift „Die Sprache des Spiegel“ berüchtigten „Spiegel“-Stil. Angenehm nüchtern und zurückhaltend, ohne ansonsten oft „Spiegel“-typische Übertreibungen beschreiben Rosenbach und Stark das Phänomen Wikileaks und ihr eigenes Dazutun.

Der New-York-Times-Chef über Assange

Noch nüchterner geht allerdings Bill Keller zu Werke. Der Chefredakteur der „New York Times“ hat ebenfalls seine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Assange und Wikileaks aufgearbeitet. Während die „Spiegel“-Autoren zuweilen doch dem Glamour des Wikileaks-Zampanos zu erliegen scheinen, zeigt sich Keller befremdet über dessen Wandlung vom Rucksack-Freak zum gestylten Prominenten.

Doch eine Feststellung ist auch Keller wichtig: „Zwar sehe ich Assange nicht als einen Partner an und würde zögern, das, was Wikileaks macht, als Journalismus zu bezeichnen“, schreibt der „Times“-Chef. „Doch die Vorstellung ist erschreckend, dass die Regierung Wikileaks wegen der Veröffentlichung von Geheimnissen strafrechtlich verfolgen lässt oder dass sogar neue Gesetze verabschiedet werden, um die Verbreitung vertraulicher Informationen zu bestrafen.“

Marcel Rosenbach, Holger Stark: Staatsfeind Wikileaks. Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert. DVA, München 2011. 336 Seiten, 14,99 Euro.

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