Suchmaschine : Sind deutsche Nazis schwul?

Google Suggest sollte Zeit und Tippfehler sparen. Doch das Tool verrät auch, was Internetnutzer wirklich interessiert. Dazu braucht es kein Meinungsforschungsinstitut mehr. Ob man das wirklich wissen will?

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Fragwürdig. Wer bei Google nach den Eigenschaften der Deutschen forscht, bekommt dank der Erweiterung „Suggest“ wenig schmeichelhafte Vorschläge.
Fragwürdig. Wer bei Google nach den Eigenschaften der Deutschen forscht, bekommt dank der Erweiterung „Suggest“ wenig...Foto: Screenshot

Die Wahrheit kann manchmal wehtun. Der gefragteste Jürgen des Landes heißt mit Nachnamen nicht Klinsmann, auch nicht Trittin oder Rüttgers, sondern Drews. Es ist Jürgen „Ein Bett im Kornfeld“ Drews.

Um das herauszufinden, braucht es kein Meinungsforschungsinstitut mehr. Es reicht ein kurzer Blick auf Google. Wer dort etwas ins Suchfeld tippt, bekommt schon ab dem ersten Buchstaben eine automatisch generierte Liste mit Begriffen vorgeschlagen, wonach er wohl suchen könnte. Dabei führt Google genau die Wörter auf, nach denen andere bereits vor ihm am häufigsten gesucht haben. Ein simples „U“ reicht aus, um als Suchbegriff „Unser Star für Oslo“ vorgeschlagen zu bekommen. So muss man im Idealfall seine Wörter nicht mehr zu Ende schreiben – ein Klick in die Liste genügt.

Das spart Zeit und vermeidet Tippfehler, jubelt das Unternehmen über seine Erweiterung „Google Suggest“. Aber sie ist viel mehr. Weil sie zeigt, wofür sich Internetnutzer wirklich interessieren. Die Listen mit den häufigsten Suchanfragen sind oft überraschend, unterhaltsam oder verstörend – und häufig werfen sie ein schlechtes Licht auf die Google-Nutzer. Über männliche Prominente wollen sie oftmals vor allem eines wissen: Ob diese vielleicht homosexuell sind. Bei vielen Showstars, Fußballern und Rennfahrern schlägt die Maschine inzwischen an erster Stelle die Vervollständigung „schwul“ vor. Bei Bundestrainer Jogi Löw steht dieses Suchwort ebenfalls ganz oben, weiter unten in der Liste findet man allerdings auch „Perücke“.

Als der Entwickler des Programms, ein junger Stanford-Absolvent, vor sechs Jahren Suggest erstmals einer kleinen Testgruppe amerikanischer Google-Nutzer vorstellte, nannte er seine Erfindung einen „Spielplatz, um herauszufinden, was andere suchen, und Dinge zu lernen, von denen du nicht mal geträumt hast.“ Wer bei Google etwa „Wie geht“ eintippt, erhält Suchvorschläge nach Anleitungen für Zungenküsse, Flirttechniken und Geisterbeschwörung. Die Frage „Ab wann“ vervollständigt Google automatisch mit „wirkt die Pille“ und „ist man Alkoholiker“. Und wer „Ist es möglich“ eintippt, erhält die Vorschläge „Gedanken zu lesen“, „die Schwester seiner Witwe zu heiraten“ und „ein Lichtschwert zu bauen“. Einige Ergebnisse geben durchaus „Grund zum Schmunzeln“, gesteht Google-Pressesprecher Stefan Keuchel ein. Suchmaschinen-Experte Klaus Patzwaldt sieht Suggest kritischer, weil es nicht nur einen echten Erkenntnisgewinn über die „oft sehr verwunderlichen Interessen der Menschen“ gebe, sondern auch das Suchverhalten selbst beeinflusse. Die Vorschlagsliste könne Nutzer dazu verführen, von ihrer ursprünglichen Suche abzulassen und sich stattdessen für Begriffe und Sachverhalte zu interessieren, die von der Mehrheit nachgefragt werden. „Die Tendenz ist klar“, sagt Klaus Patzwaldt. „Es geht hin zum Mainstream.“

Seit einem Jahr bietet Google die Hilfe standardmäßig auf der deutschen Startseite an, wie stark sich seitdem das Suchverhalten verändert hat, ist unklar. Konkrete Zahlen gibt das Unternehmen bisher nicht heraus.

Kritiker sehen noch ein anderes Problem: Für Firmen könne Suggest ernste, im Extremfall sogar existenzbedrohende Folgen haben, sagt Leo Garb, Online-Marketing-Spezialist aus Düsseldorf. Wer zum Beispiel bei Google nach Immobilien sucht, bekommt bereits nach den ersten zwei eingegebenen Buchstaben an oberster Stelle das Unternehmen „Immobilienscout24“ vorgeschlagen. Konkurrenzfirmen, die das Wort „Immobilien“ nicht im Titel führen, werden dagegen überhaupt nicht in der Vorschlagsliste aufgeführt. Unternehmen mit Fantasienamen müssten in Zukunft befürchten, kaum noch gefunden zu werden.

Inzwischen bietet Google seine Vorschlagshilfe weltweit an, bei der Listenerstellung werden aber bloß die Suchanfragen von Nutzern aus dem eigenen Land berücksichtigt. Leo Garb ist in Russland geboren, und wenn er auf der dortigen Google-Seite nach Personen des öffentlichen Interesses sucht, muss er feststellen, dass seine Landsleute zwar nicht hinter jedem Prominenten einen Homosexuellen fürchten, dafür aber wissen wollen, ob er vielleicht Jude ist. „Das gilt nicht nur für russische Spitzenpolitiker wie Medwedew oder Putin“, sagt Leo Garb. Auch bei Angela Merkel und Barack Obama finde sich dieser Zusatz weit oben in der Rangliste. „So zeigt Google uns sehr drastisch, wie groß das Antisemitismus-Problem in Russland heute noch ist.“

Grobe Beleidigungen und rassistische Beschimpfungen werden laut Google aus den Vorschlagslisten herausgefiltert. Ansonsten nehme das Unternehmen aber keinerlei Einfluss darauf, welche Begriffe gezeigt werden, sagt Sprecher Stefan Keuchel. Wer das nicht glaube, solle bitte einmal testweise auf die Startseite gehen und dort „Google ist“ eingeben. Die Suchverschläge, die dann aufgeführt werden, könne sich das Unternehmen beim besten Willen kaum selbst ausgedacht haben. Recht hat er.

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