Telekommunikation : Wir iPhone-Geiseln

Das iPhone ist nicht so toll, wie alle sagen, so eine Studie. Dennoch werde es verbissen verteidigt – wie von Geiseln, die am Stockholmsyndrom leiden.

Kai Biermann
iPhone
Apple ist mit seinem iPhone ein Verkaufsschlager gelungen. -Foto: ddp

Besitzer eines iPhones sind einem großen Selbstbetrug aufgesessen und leiden unter der wahnhaften, aber unbegründeten Idee, ein tolles Telefon zu haben – so ungefähr lassen sich die Schlussfolgerungen der dänischen Beratungsfirma Strand Consult zusammenfassen, die sie aus den Reaktionen auf eine eigene Marktanalyse gezogen hat.

Vor Kurzem veröffentlichte die Firma einen Bericht mit dem Ergebnis, es lohne sich für Telefonfirmen nicht wirklich, iPhones zu verkaufen und eine Verbindung mit Apple einzugehen. Zu hoch seien die Kosten, zu gering der Gewinn. Die Studie hieß Der Moment der Wahrheit – ein Porträt des iPhones und führte offenbar zu heftigen Antworten der Szene der begeisterten iPhone-Besitzer.

Verwundert darüber veröffentlichte Strand Consult daraufhin eine Art psychologische Analyse der iPhone-Fans. Tenor: Die Nutzer hätten Loyalität zu ihrem Geiselnehmer entwickelt und litten unter dem, was Therapeuten das Stockholmsyndrom nennen. Das beschreibt, dass Geiseln – als eine Reaktion auf die belastende Situation – unter bestimmten Vorraussetzungen Sympathie und Verständnis mit ihrem Geiselnehmer entwickeln können.

Ohne Zweifel, so schreiben die namentlich nicht aufgeführten Autoren, sei Apple eine einzigartige Firma, die die Kunst industriellen Designs beherrsche, die sich eine loyale Anhängerschaft heran gezogen habe. Das iPhone sei außerdem schick und modisch und habe eine fantastische Bedienbarkeit.

Doch die Fertigkeiten des Geräts seien doch eher beschränkt. Die erste Version konnte keine MMS versenden, das schnelle 3G-Netz nicht nutzen, keine SMS weiterleiten. Bis heute lässt sich bei den Geräten der Akku nicht austauschen und nur von Apple zugelassene Programme installieren. Außerdem sei es gar kein richtiges Smartphone, könne es doch nicht mehrere Anwendungen gleichzeitig ausführen, und Java beherrsche es auch nicht.

Insgesamt 20 Mängel führen die Dänen auf und dazu jeweils die Argumente, die von Nutzern gebracht würden, um sie zu verteidigen. Meist lautet dieses Argument: Das braucht man doch gar nicht.

Strand Consult kommt zu dem Urteil, da werde grundlos ein Gerät verteidigt, weil man die eigene Kaufentscheidung nicht mehr infrage stellen wolle. Solche psychologischen Effekte gibt es tatsächlich. Je teurer eine Anschaffung war, desto eher sind wir bereit, sie vor uns selbst zu verteidigen, da wir im anderen Fall unser Selbstbild infrage stellen und uns eingestehen müssten, einen teuren Fehler gemacht zu haben.

Das mag beim iPhone der Fall sein, interessant ist aber, dass es in der ursprünglichen Studie um etwas ganz anderes ging. Dort wurde untersucht, dass es sich für Telefonanbieter nicht lohnt, das Gerät zu vertreiben. Denn, so eine Schlussfolgerung, iPhone-Nutzer seien zwar gegenüber Apple loyal und bereit, einen hohen Preis für das Gerät zu zahlen. Loyalität gegenüber dem Provider aber, der ihnen das Gerät verkauft, zeigten sie nicht und würden noch dazu sehr genau auf die Kosten von Telefon- und Datendiensten achten.

Überhaupt seien iPhone-Besitzer ein schlechtes Geschäft, schreibt Strand Consult und rechnet es am Beispiel von T-Mobile vor. In Deutschland müsse die Firma 317 Euro ausgeben, um einen neuen Kunden für das Gerät und die daran hängenden Tarife gewinnen zu können. Bei anderen Geräten seien es im Schnitt 198 Euro. Gleichzeitig aber betrage der Average Revenue Per User (ARPU), die durchschnittlichen Einnahmen pro Nutzer, nur 77 Euro.

Zwar seien das mehr als die üblichen 30 Euro, die normale Nutzer einbrächten, doch fragen sich die Autoren, wie hoch die Einnahmen tatsächlich sind, immerhin gehöre zu dem iPhone-Tarif eine beträchtliche Menge an Freiminuten und eine Datenflatrate.

Die monatlichen Einnahmen würden außerdem noch stark sinken, da Apple inzwischen den Kreis der Anbieter seines Gerätes erweitert hat. Die ursprünglichen Exklusivverträge wie beispielsweise mit der Telekom sind zeitlich befristet, und Apple hat in jedem Land inzwischen mehr als einen Partner. In Deutschland beispielsweise wird Vodafone das iPhone ebenfalls anbieten. Das verstärke die Konkurrenz und damit den Druck auf die Tarifkosten, steigere aber noch die Ausgaben für Kundenwerbung. Gleichzeitig verliere das Gerät seinen attraktiven Sonderstatus, mit dem sich ein Anbieter von anderen absetzen könne.

Auch das Argument, iPhones würden für höhere Datenumsätze sorgen, da die Besitzer viel surften und mailten, lasse sich nicht belegen, konstatiert Strand. Nicht das eine Gerät sei für die tatsächlich steigenden Volumina verantwortlich, sondern das immer bessere Angebot an schnellen Datenverbindungen.

Letztlich ist der Marktbericht weniger eine Warnung an die Nutzer des Gerätes, als eine an Apple. Die Strategie des Konzerns sei riskant, heißt es darin. Nokia beispielsweise verdanke seinen jahrelangen Erfolg der Kooperation mit den Telefonfirmen, gerade im Markt der teuren Geräte, dem gleichen, den Apple angreift. Die Telekomanbieter so zu knebeln, sei möglicherweise keine gute Idee. Apple "überschätzt seine eigene Stärke und unterschätzt seine Schwächen".

Dass man sich bei Strand Consult zu der psychologisierenden Nutzeranalyse genötigt fühlte, zeigt zumindest, dass Apple ungeschlagen ist, wenn es um die Loyalität seiner Kunden geht.

Quelle: ZEIT ONLINE

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