Twitter-Nachrichten : "Das war virtueller Katastrophentourismus"

Der Münsteraner Medienexperte Christoph Neuberger warnt im Interview mit dem Tagesspiegel vor Twitter-Hype.

Neuberger
Christoph Neuberger-Foto: promo

Ist es möglich, über ein Ereignis wie den Amoklauf von Winnenden in 140 Zeichen journalistisch zu berichten, wie es beispielsweise Bild.de, Focus Online und Spiegel Online versucht haben?



Nein, ich halte das für sehr problematisch. Twitter zwingt zur Beschleunigung, zur Echtzeitberichterstattung. Im Fall Winnenden herrschte aber große Unsicherheit über das, was sich tatsächlich abspielte. Insgesamt war das eine Art virtueller Katastrophentourismus, vergleichbar mit Autobahngaffern bei einem Unfall. Etwas Schreckliches passiert, alle wollen etwas sehen, Gerüchte schwirren herum, die sofort weitergegeben werden, jeder neuen Information wird hinterhergehechelt.

Der Wunsch nach Schnelligkeit hat über die Genauigkeit gesiegt?

Leider. Widersprüche wurden nicht angesprochen, Falschmeldungen nicht korrigiert. Es hätte von Seiten der Journalisten ausdrücklich Hinweise geben müssen, dass die Informationen unsicher sind, Quellen hätten genannt werden müssen.

Warum nutzen Journalisten trotzdem Twitter?

Im Rennen, unbedingt Erster bei der Nutzung eines neuen Formats sein zu wollen, lassen sich viele Journalisten leider mitreißen, ohne zu reflektieren, ob es ein geeignetes Format für ihre Arbeit ist. Twitter wird hinsichtlich seiner publizistischen Bedeutung grandios überschätzt, denn die Reichweite ist im Vergleich zu der von Zeitungen gering, mehr als Häppchenjournalismus ist nicht möglich.

Der Deutsche Journalistenverband warnt, dass Twitter mehr der Selbstinszenierung von Journalisten als der sachlichen Berichterstattung über das Ereignis dient.

Journalisten von Focus Online wurde beispielsweise vorgeworfen, dass sie mehr über sich als über das Ereignis berichtet haben. Viele Journalisten fühlen sich durch das schnelle Medium unter Druck, permanent etwas sagen zu müssen, obwohl sie gar nichts zu berichten hatten.

Unter welchen Voraussetzungen ist es für Journalisten sinnvoll, zu twittern?

In Situationen, wo die Ereignisse mit einer gewissen Validität fortlaufend beschrieben werden können und nicht mit so großer Unsicherheit Dinge behauptet werden müssen. Das können beispielsweise Sportereignisse sein.

Welche Rolle wird Twitter künftig im Journalismus spielen?

Als Recherchemedium ist Twitter interessant, um spannende Themen aufzuspüren. Aber immer unter der Voraussetzung, dass Journalisten die Informationen nicht einfach eins zu eins wiedergeben. Denn in Twitter reingucken kann mittlerweile jeder Internetnutzer. Journalisten müssen deshalb nach wie vor die Instanz sein, die die Informationen selektiert und sich Zeit nimmt, sie zu überprüfen. Für die Beschleunigung gibt es gar keinen Grund, denn niemand erwartet von Journalisten, permanent etwas über ein Ereignis zu sagen, das noch gar nicht zu überblicken ist.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

Christoph Neuberger lehrt als Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster und ist Experte für Neue Medien.

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