Unterhaltung im World Wide Web : Die Wunschfilmbox

Immer mehr Menschen schauen Shows, Serien und Filme lieber im Netz als im Fernseher: Neue Angebote wie Joost und Hulu machen Youtube und den Mediatheken mächtig Konkurrenz.

Nadine Lantzsch,Kurt Sagatz
271615_0_a8967178.jpg
Lost in Space: Das Portal Joost unterhält mit Kinoklassikern. Viele TV-Serien lassen sich zeitversetzt über die Mediatheken der...

Der Streit um die TV-Fernbedienung hat seinen Schrecken verloren: Immer mehr Menschen sehen sich Shows, Dokumentationen, Serien und Filme im Internet an. 2010 wird das Internet das Fernsehen als meistkonsumiertes Medium ablösen, heißt es in einer aktuellen Studie von Microsoft, und auch ARD und ZDF stellen in ihre Onlinestudie fest, dass Jugendliche mit 120 Minuten täglich bereits jetzt mehr Zeit im Netz als am TV-Gerät (100 Minuten) verbringen. Über die Hälfte aller erwachsenen Internetnutzer ruft Videos und TV-Inhalte über Webportale und Mediatheken auf – live oder zeitversetzt. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es bereits 84 Prozent. Und das, obwohl bislang nur ein Teil der Inhalte ins Netz gespeist wird und dann zum Teil auch noch bezahlt werden muss.

Besonders erfolgreich ist derzeit das US-Videoportal Hulu.com. Dabei handelt es sich um den Zusammenschluss der Sendeanstalten NBC Universal und Fox Entertainment Group, die fast ihr gesamtes Programm präsentieren – ob „Simpsons“, „Dr. House“ oder „24“ – alles wird kostenlos und hochauflösend gezeigt. Weitere Kooperationen mit Sony und Metro- Goldwyn-Mayer wurden geschlossen, um die Plattform für Nutzer durch Kinofilme noch attraktiver zu machen.

Bisher ist Hulu nur innerhalb der USA verfügbar, über einen baldigen Start in Deutschland wird gemunkelt. In den USA ist Hulu mittlerweile die zweiterfolgreichste Videoplattform hinter Youtube. Im März sahen sich rund neun Millionen US-Bürger fast 350 Millionen Hulu-Videos an. Die kurzen Werbeunterbrechungen in den einzelnen Videos scheinen sie nicht zu stören. Alle Bewegtbildinhalte auf Hulu werden gestreamt (direkt übertragen), ein Download ist schwierig und demnach auch das illegale Kopieren und Weiterverbreiten urheberrechtlich geschützter Inhalte.

Während deutsche User beim Aufruf von Hulu.com den Hinweis erhalten, dass die Videos außerhalb der USA nicht gestreamt werden und dass man sie nach Angabe von Region und Mail-Adresse informiert, wenn sich daran etwas ändert, ist eine andere Video-Alternative zu Youtube auch in Deutschland längst aktiv: Joost. Hinter dem Portal, das vor gut drei Jahren gestartet ist, stehen die beiden Gründer des Internet-Telefondienstes Skype. Mit Joost wollten sie die neue Art des Fernsehens ausrufen, blieben damit jedoch bislang unter den Erwartungen. Das soll sich jetzt ändern. Vor einem Monat startete Joost eine Kooperation mit 13 Partnern in Deutschland, darunter „Süddeutsche TV“, EuroNews und Turner Entertainment. Neben einer Vielzahl von US-Inhalten stehen nun auch viele Filme in deutscher Sprache (Stichwort Wunschfilmbox: „Lost in Space“, „Blade“, „Eine Hochzeit zum Verlieben“) kostenlos zur Verfügung, und zwar nach der Installation einer kleinen Erweiterung direkt im Internetbrowser. Problematisch an Joost ist höchstens, aus der Tiefe der englischsprachigen Oberfläche jene Videos herauszupicken, die einen persönlich interessieren.

Das originär deutsche Internet-Videoangebot basiert neben Youtube und MyVideo.de zu großen Teilen auf den Mediatheken der TV-Sender. Weit vorn ist hierbei nach wie das ZDF, aber auch die ARD und die Sender aus diesem Verbund haben in den letzten Monaten Fahrt aufgenommen. Aus rechtlichen Gründen kann nicht das komplette Fernsehprogramm im Netz abgebildet werden, doch die Mediatheken füllen sich beständig. Die meisten Sendungen gelangen zeitgleich oder kurz nach der TV-Ausstrahlung ins Netz. Aus Gründen eines gesunden Wettbewerbs zwischen den gebührenfinanzierten Sendern und deren privater Konkurrenz bleibt der Großteil der Sendungen nur für sieben Tage online, die meisten Sportübertragungen oder Hollywood- Filme bleiben ganz außen vor. Die Qualität jedoch überzeugt, auch wenn noch keine Möglichkeit besteht, sich die Inhalte hochauflösend anzuschauen.

Der Privatsender RTL hat auf seiner Internetseite einen Video-on-demand-Service eingerichtet. RTLnow präsentiert dem Zuschauer zwar auch Serien wie „GZSZ“, die am selben Tag im Fernsehen zu sehen sind, allerdings bildet es nicht sein gesamtes Programmportfolio online ab. Für viele Inhalte muss man pro Abruf eine Gebühr entrichten. Wer keine Lust auf ständige Einmalzahlungen hat, kann ein Abonnement der jeweiligen Serie oder Show abschließen. Auch bei der Senderkonkurrenz von Pro 7 Sat1 muss sich der Zuschauer dabei auf Pixel-Artefakte und zwischenzeitliches Puffern einstellen. Hier ist sogar bereits vor dem Ende des Videos das Bild weg. Wer ein bestimmtes Plugin für den Browser nicht installiert, bekommt gar nicht erst die Chance, die Videos in guter Qualität sehen zu können. Wer verzweifelt durch die verwirrende Menüführung der Mediathek stolpert, kann letztlich doch beruhigt sein: Der Großteil des Pro-Sieben-Angebotes ist in das kostenpflichtige Video-on-demand-Portal Maxdome ausgelagert worden.

Während sich hierzulande die Sender noch zieren, das Netz mit seiner dezentralen Vertriebs- und Verbreitungsstruktur und der neuartigen Empfehlungskultur über Social-Media-Seiten auszuloten, spazieren Hulu und Joost vorbildlich über die Spielwiese Internet. Auf den News- Corp-Partnerseiten von Yahoo, AOL, Myspace oder MSN kann man Hulu-Videos ansehen, bewerten, verschicken oder sogar auf der eigenen Website beziehungsweise dem persönlichen Profil des jeweiligen Dienstes einbinden und von dort abspielen. Auf der Huluseite und auch bei Joost werden die Zuschauer dazu aufgefordert, einzelne Videos per Mail, über das soziale Netzwerk Facebook oder über verschiedene Bookmarkdienste weiterzuempfehlen. Außerdem gibt es eine Kommentarfunktion unter den Clips, um sich mit Gleichgesinnten über den Film oder Clip auszutauschen. Wie selbstverständlich nutzen diese Dienste die Möglichkeiten des Web 2.0. Davon sind die deutschen Angebote weit entfernt. Selbst beim ZDF gibt es unter dem Video nur einen mageren Link oder einen Hinweis auf die am häufigsten angesehenen Folgen der Telenovela „Sturm der Liebe“.

www.hulu.com, www.joost.com,

www.ardmediathek.de,

mediathek.zdf.de,

www.rtlnow.de, www.maxdome.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar