Veränderte Kommunikation : Blog’ dich besser

Die Medienwissenschaftlerin Elisabeth Augustin erkennt im Schreiben für das Netz eine alte Technik der Selbstsorge - und den Wunsch nach Anerkennung.

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Internetnutzer und Blogger als Bestseller-Autoren? Das ist längst Realität. Foto: dpa
Internetnutzer und Blogger als Bestseller-Autoren? Das ist längst Realität.Foto: dpa

Unfassbar, was die Leute alles in Internet-Tagebüchern veröffentlichen. Die Familie K. zum Beispiel schreibt: „Am Wochenende haben wir uns die Zeit genommen, unseren Balkon für den Sommer fit zu machen. Balkonkästen bepflanzen, Sonnenschirm anbringen usw. und haben das erstemal (sic!) in der Morgensonne gefrühstückt. Es war herrlich...“ Der Blogger Don Alphonso informiert auf seinem Blog „Stützen der Gesellschaft“ alle paar Tage darüber, wie gut es sich als Vermieter einer Münchner Eigentumswohnung in einer süddeutschen Kleinstadt leben lässt; nur seine verlässlich-boshaften Bemerkungen über das Berliner Prekariat lassen ahnen, dass er trotz seines guten, sportlichen Lebens und seiner Möglichkeiten, in Kunst zu investieren, gelegentlich an Unausgeglichenheit leidet und jemanden verachten muss. Ein weiterer Blogger, dessen Namen nichts zur Sache tut, hat der Leserschaft des World Wide Web über Wochen und Monate hinweg ausführlich berichtet, wie er im Baumarkt ein kunststoffummanteltes Seil von fünf Metern Länge gekauft, dieses zweigeteilt und später zum Fesseln seiner Geliebten „CK“ verwendet hat. Fast 233 Millionen Blogs waren dem Internet-Datenportal Statista zufolge im April allein auf der Blogging-Plattform tumblr zu finden.

Im Zentrum steht das Ich

Weblogs, mit Internet-Tagebücher nur unzureichend übersetzt, sind heute für eine mehr oder weniger große Öffentlichkeit, was in analogen Zeiten im Stillen geführte Tagebücher waren. Blogs und ihre Verfasser sagen viel über das, was heute „Öffentlichkeit“ ist. Sie sind Ausdruck eines veränderten Verständnisses von „Kommunikation“, womöglich auch Zeichen eines Selbstverständnisses, in dessen Zentrum das „Ich“ steht. Das alles macht sie zu spannendem Stoff für Wissenschaftler. Die Grazer Medienwissenschaftlerin Elisabeth Augustin will jetzt herausgefunden haben, dass Blogs ihre Verfasser sozial kompetenter machen (Elisabeth Augustin: BlogLife. Zur Bewältigung von Lebensereignissen in Weblogs. Transcript Verlage, Bielefeld 2015, 210 Seiten, 29,99 Euro).

Klar, dass bei der Untersuchung eines sich mit allergrößter Rasanz entwickelnden Mediums, und das sind die Weblogs, ohne große Begriffe nichts geht. Beim Bloggen, so variiert Elisabeth Augustin eine Erkenntnis aus der Smartphone- Soziologie, entstehe zwischen den Verfassern und den Lesern eine „abwesende Anwesenheit“. Augustin meint eine Sphäre, in der Blogverfasser und Leser einander zugleich fern und nah sind. Für ihre Studie hat sie Blogs untersucht, die bei studentischen Auslandsaufenthalten entstanden sind. Früher mag „abwesende Anwesenheit“ beim Telefonieren für ein paar Minuten zwischen zwei Menschen entstanden sein. Für die Verfasser und Leser von Briefen oder Mails war und ist Abwesenheit immer stärker spürbar als Anwesenheit. Das Bloggen bringt die Blogger und ihre Leser in einem ideellen Raum der abwesenden Anwesenheit zusammen, in dem Kommunikation in Echtzeit mit Worten, Bildern, Videos zumindest möglich ist.

Die Bloggerei hat etwas Widersprüchliches

Es ist etwas Widersprüchliches und Irritierendes an der Bloggerei – das macht diese Studie deutlich. Blogger veröffentlichen im Internet, doch die Mehrheit der Blogger hat einen eher übersichtlichen Leserkreis im Sinn. Elisabeth Augustin hat bei ihren Interviews mit den auslandserfahrenen Bloggern gehört, dass deren Verbindungen zu ihrem (zurückgelassenen) sozialen Umfeld durch das Schreiben über ihre neue Lebenswirklichkeit sogar intensiver geworden seien. Andererseits sagten die Verfasser von Blogs aber auch, „dass sie für die Pflege einzelner starker Bindungen zu wenig Zeit haben und deshalb die ‚ressourcenschonende‘ Variante des Bloggens nutzen.“ Noch ein neues Wort: Kommunikation werde, so Elisabeth Augustin, zur „Holschuld“ der Blog-Leser. Vorbei ist im digitalen Zeitalter die alte Sender-Empfänger-Kommunikation: Der Blogger hat etwas zu sagen, doch wichtiger als der Empfänger seiner Mitteilungen ist dem Blogger wohl in nicht wenigen Fällen der Blogger selbst.

Das hängt mit einem von mehreren Motiven zum Bloggen zusammen. Elisabeth Augustin hat die Blogs von Studenten im Ausland auch deshalb untersucht, weil sie von Menschen in einer Ausnahmesituation verfasst worden sind: einerseits der Strom der neuen Eindrücke und Bekanntschaften, andererseits der Eindruck großer Einsamkeit, der Überwältigung durch das Neue, womöglich der Überforderung: da sind Blogs nicht bloß die schnellste, preiswerteste und eben auch die eigenen Zeit- und Kraftreserven schonendste Methode, den Kontakt mit Mama, der Schwester, Freunden und Mitstudenten zu halten – sie sind auch Mittel der Krisenbewältigung. Das verbindet sie mit dem guten alten Tagebuch, wie Elisabeth Augustin sehr gründlich und theoretisch darstellt, und es macht die Blogs über alles Publizistische und Netz-Technische hinaus zu Werkzeugen der Charakter-Entwicklung.

Krisen, schreibt Augustin mit Hinweis auf den Psychoanalytiker Erik H. Erikson, gehören zur Persönlichkeitsentwicklung. Krisen, Verunsicherungen des Selbstverständnisses, wie sie in der Konfrontation mit einer neuen, unbekannten Umwelt entstehen, gehören mehr denn je zum digitalen Zeitalter, das für viele „das Ende der sogenannten Normalbiografie“ mit sich gebracht hat. Umso wichtiger ist das Reflektieren dessen, was einem geschieht, das Bearbeiten des Neuen, indem man darüber nachdenkt und schreibt. Schreiben ist, so schreibt Elisabeth Augustin mit Hinweis auf den französischen Historiker und Philosophen Michel Foucault, eine Form der Selbstsorge, eine Methode der Entwicklung des Selbst aus der Krise heraus. Das Erzählen, das Einordnen des Erlebten in das eigene Leben gehört zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Es ist im digitalen Zeitalter vermutlich wichtiger als die Herstellung von Selfies und verbindet das Weblog mit dem analogen abschließbaren Diarium voller romantischer Prosa, Boshaftigkeiten und Liebeskummeranalysen.

Selbstreflexion, Ventilfunktion, Materialsammlung für ein Leben, einschließlich des Fotos vom frisch dekorierten Balkon der Familie Krüger: Weblogs machen es möglich. Der große Unterschied zum Tagebuch mag darin liegen, dass Blogger mit raschem Feedback und auch mit einer gewissen Anerkennung rechnen. Im Netz ist zwar noch Raum für ein paar Millionen Blogs mehr, aber Anerkennung, Feedback und positive Kommentare könnten irgendwann knapp werden.

Glossar: Weblog

Der Begriff geht laut Elisabeth Augustin (und laut Wikipedia) auf Jorn Barger zurück. Der „Blogger der ersten Stunde“, ein Mann mit rauschendem Bart, Fachmann für James Joyce und Künstliche Intelligenz, beschrieb das Weblog als Seite, auf der ein Internetsurfer für andere protokolliert, welche interessanten Seiten und Verbindungen ihm aufgefallen sind.

Massenmedium

Das Veröffentlichen persönlicher Texte im Netz ist technisch leicht zu machen, seitdem Anbieter wie blogger.com oder blog.de das Bauen einer eigenen Seite formalisiert haben.

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