Vom Netz genommen (15) : Thema Berlin: Hyper statt Hype

Was ist guter Lokaljournalismus? Und liegt die Zukunft sogar im "Hyperlokalen"? Eine Einladung zur Debatte über unsere Berlin-Berichterstattung und den neuen Zehlendorf Blog. Kommentieren und diskutieren Sie mit!

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Wir freuen uns über Anregungen und Kritik zum Zehlendorf Blog unter der Email-Adresse zehlendorf@tagesspiegel.de sowie natürlich wie immer über Leserkommentare im Kommentarbereich unter jedem einzelnen Text.
Wir freuen uns über Anregungen und Kritik zum Zehlendorf Blog unter der Email-Adresse zehlendorf@tagesspiegel.de sowie natürlich...Screenshot: Tsp

Danke für die starke Leserdebatte in der letzten Woche. Es ging um die Werbung auf Tagesspiegel.de und wir konnten daraus lernen, weil es viel konstruktive Kritik gab. Einen Kommentar aus der Werbe-Debatte möchte ich in dieser Woche noch einmal aufgreifen: Unser Leser "der_beste_kommentator" - bitte gern mehr, das diesem Namen gerecht wird - macht sich über die Werbung hinaus inhaltliche Gedanken und leitet mustergerecht zum heutigen Thema über. Über die Frage, wie Medien sich im Netz finanzieren, kommt "der_beste_Kommentator" auf das, was Tagesspiegel.de aus seiner Sicht eigentlich ausmacht, "was bleibt", und nennt dabei vor allem den Berlin-Teil. "Wie wäre es denn, den weiter auszubauen", schlägt er vor, "indem Leser berichten, mit Bildern, mit Texten vor Ort und von sich? Nicht nur ausnahmsweise, sondern das könnte einen Großteil des Tagesspiegels ausmachen. Dabei kann es ruhig um Kleinigkeiten gehen, um den Alltag der Bürger. Wo wurde eingebrochen? Warum haben wir überquellende Mülltonnen, warum dreht Nachbar XY sein TV derart auf und keiner macht was dagegen?" Solche Informationen "bekommt der Normalbürger nirgends, über das Zusammenleben untereinander wird so gut wie nie berichtet außer in krassen Fällen wie Mord, Totschlag etc..." Besonders Mut macht dann noch folgender Satz: "Ich könnte mir vorstellen, dass viele Bürger dafür auch einen kleinen Betrag bezahlen würden."

Das ist die Vorlage für mich, Ihnen in dieser Woche in meiner Kolumne unseren Zehlendorf-Blog nahezubringen, Leserkommentare dazu aufzugreifen und die Debatte um unsere Berlin-Berichterstattung im Allgemeinen und den Zehlendorf Blog im besonderen noch einmal anzukurbeln. Der Ausbau unserer lokalen Berichterstattung hat mit dem Zehlendorf Blog ja schon begonnen, direkt aus dem Umfeld der Bürger und mit Hilfe der Bürger.

Sich mit bürgernahen Themen zu befassen, ist nämlich gar nicht "unter Journalistenwürde", obwohl "der_beste_kommentator" das mutmaßt. Profilierte Tagesspiegel-Autoren wie Armin Lehmann, Heike Jahberg oder Christian Böhme schreiben in unserem ersten hyperlokalen... halt mal, was heißt eigentlich "hyperlokal", ist das nicht wieder nur eins dieser modischen, aber inhaltsleeren Schlagworte aus dem Internet? Im "Duden" ist das Wort jedenfalls noch nicht angekommen. Das "Macmillan Dictionary" definiert den Begriff auf Englisch wie folgt: "relating to a very specific and often small community or geographical area", also Nachrichten, die sich "auf eine sehr spezifische und oft kleine Gemeinde oder ein kleines geographisches Areal" beziehen. Laut "Duden" drückt die Vorsilbe hyper- im Deutschen "in Bildungen mit Adjektiven eine Verstärkung aus". Noch lokaler als lokal wäre eine etwas flapsige Umschreibung. Falls Sie bessere Definitionen kennen, lassen Sie es mich wissen, am liebsten natürlich mit Link.

Also: Der Zehlendorf Blog ist ein hyperlokales Projekt des Tagesspiegels, und Tagesspiegel-Autoren schreiben dort Seit an Seit mit Bürgern des Berliner Ortsteils. Seit wir vor einem Monat gestartet sind, gab es vielfältige Reaktionen: Anregungen, Kritik, Lob. Keine davon war rundum negativ. Wir haben das Gefühl, dass wir einen Nerv getroffen haben.

Zunächst einmal stieß die doch ein bisschen jenseits des Berlin-Getöses liegende Wahl unseres "Pilotbezirks" durchaus auf Gegenliebe: Endlich richte "eine große Zeitung ihren Fokus auf ein 'echtes, gewachsenes' Stück Berlin ohne den üblichen 'Mitte-Hype'", schreibt unsere Leserin Susanne Schmidt per Email. "Wir genießen, dass unser Leben in und mit der Stadt durch die unendliche Vielfalt an Neuem und Neuen, an Neuigkeiten und vorüberziehenden, spektakulären Events täglich und nächtlich reich und vollkommen gemacht wird", schreibt sie weiter. "Aber das Leben an sich findet in allen Bezirken statt, nicht nur in Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Mitte."

Erst einmal negativ klingt, was Leserkommentator "anda" im Forum des Zehlendorf Blogs schreibt, nämlich "dass kaum jemand den/das Zehlendorf-Blog liest". Ups, das klingt hart, doch dann wird klar, dass "anda" uns keins auswischen will, sondern sich um unsere Arbeit und deren Wahrnehmung sorgt: "Hier waren in den letzten Wochen hochinteressante Artikel zu lesen (wie z.B. der über Armut in Zehlendorf oder der über den 2. S-Bahneingang), die im richtigen TSP-Leben zu einer Flut von Kommentaren führen würden. Im Zehlendorf Blog gehen sie aber unter und werden ignoriert, weil der Grundtenor der Leser immer gleich lautet: na die in Zehlendorf haben doch nur Luxusprobleme, da wohnen doch nur Reiche. Interesse erreichen sie höchstens mit einem Artikel über ein verbotenes Bierkastenrennen."

Zunächst einmal kann ich den Verdacht entkräften, dass der Zehlendorf Blog kaum gelesen werde: Im ersten Monat sind dessen Texte rund 115.000 Mal aufgerufen worden. Das ist deutlich mehr, als wir erwartet haben, ehrlich gesagt. Mehr Leserkommentare und mehr kontroverse Debatten kann der Blog aber schon noch vertragen, da hat "anda" Recht. Fühlen Sie sich hiermit noch einmal herzlich eingeladen dort mitzukommentieren und mitzudiskutieren! Und wenn Sie die Klischees, die auch im Forum hier und da über Zehlendorf verbreitet werden, stören, dann halten Sie doch einfach stilvoll dagegen!

Ladenstraße und Markt am U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte
Mittags erst beginnt der Markt, bis zum Abend füllt er sich.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Thilo Rückeis
23.05.2013 15:21Mittags erst beginnt der Markt, bis zum Abend füllt er sich.

Auch anderen Leserinnen und Lesern liegt daran, das Zehlendorf-Zerrbild als reicher, aber langweiliger Villengegend zu konstrastieren. "Ein Stadtteil bietet meistens weit mehr als das, was Vorurteile gemeinhin hergeben", schreibt zum Beispiel unsere Leserin Elisabeth von Mezynski. Und Christian Hartwich regt mehr Geschichtliches an: "Besonders würde ich mich freuen, ab und zu mal etwas über die Historie dieses wunderbaren Fleckchens in Berlin zu lesen. Da gibt es ja eine Fülle, z.B. Zusammenleben mit den Amerikanern, historische Persönlichkeiten und Gebäude, Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (Entdeckung der Kernspaltung etc); vergessene Orte wie der alte Kontrollpunkt Dreilinden oder der S-Bahnhof Düppel usw." Kommt alles auf unsere Agenda, versprochen, zumal wir wissen, wie gut Berlinisch Historisches ohnehin bei unseren Lesern ankommt. Das belegen die Zugriffsstatistiken unserer Online-Seite.

Schließlich gab es viele Anfragen, warum wir mit ähnlichen hyperlokalen Projekten wie dem Zehlendorf Blog nicht längst auch in andere Ortsteile und Bezirke gehen. Haben wir vor. Aber das ist nun einmal auch ein Ressourcen- und damit ein Finanzierungs-Punkt. Womit wir wieder beim Eingangsthema wären...

Und jetzt sind Sie wieder dran, liebe Leserinnen, liebe Leser. Was halten Sie von der Berlin-Berichterstattung des Tagesspiegels? Was ist guter Lokaljournalismus aus Ihrer Sicht? Hätten Sie gern mehr lokale und hyperlokale Themen auf Tagesspiegel.de? Oder ist Ihnen unser Portal womöglich jetzt schon zu lokal? Haben Sie Anregungen für unsere lokale und hyperlokale Berichterstattung, Themen, über die wir unbedingt bald berichten sollten? Zum Beispiel im Zehlendorf Blog? Gefällt Ihnen unser neues hyperlokales Projekt? Und wären Sie womöglich bereit, für lokale Informationen im Internet zu zahlen? Kommentieren und diskutieren Sie mit! Nutzen Sie dazu bitte die leicht zu bedienende Kommentarfunktion etwas weiter unten auf dieser Seite.

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