Zensur : Facebook schmeißt Konkurrenten raus

Facebook hat seinen Nutzern verboten, das Wort Lamebook zu verwenden. Damit hat das Netzwerk gezeigt, wie abhängig wir von seiner Gnade sind.

Kai Biermann
Die Seite "Lamebook" will eine Parodie auf Facebook sein. Deshalb gibt es nun einigen Ärger.
Die Seite "Lamebook" will eine Parodie auf Facebook sein. Deshalb gibt es nun einigen Ärger.Screenshot: Zeit

Ein harmloses Blog mit zweifelhaftem Humor führt derzeit vor, was es bedeutet, wenn eine halbe Milliarde Menschen ihre Kommunikation einem Anbieter anvertraut: Sie werden abhängig von dessen Willen. Lamebook heißt die Seite in Veralberung des Ursprungsnamens. Sie beschäftigt sich damit, nach ihrer Meinung lustige Statusmeldungen und Bilder aus Facebook herauszupicken und gesammelt zu präsentieren.

Facebook findet das gar nicht lustig und hat erstens die Betreiber wegen Markenrechtsverletzung verklagt. Zweitens, und für das Thema Freiheit im Netz viel relevanter, hat es innerhalb von Facebook den Begriff "Lamebook" gesperrt.

Die Fan-Page von Lamebook innerhalb von Facebook wurde gelöscht, und von außen war es nicht mehr möglich, die Website zu mögen, der Like-Knopf war abgeschaltet. Wer in Facebook zu der Website verlinken wollte, konnte das nicht. Wer in einer Statusmeldung den Begriff verwenden wollte, konnte das nicht. Wer in einer Facebook-Mail den Namen benutzte, bekam eine Fehlermeldung: "Diese Nachricht enthält gesperrten Inhalt, der als missbräuchlich oder als Spam gekennzeichnet wurde."

Die Blockade ging so weit, dass Facebook sich in die Kommentar-Threads einzelner User einmischte und sie vor der Verwendung des Begriffes warnte – wie Lamebook selbst dokumentiert.

Ein Kevin schrieb in seine Statusmeldungen den Beginn eines sogenannten Knock-Knock-Jokes: "Klopf, klopf." Eine Natalie ging auf den Gag ein und antwortete: "Wer ist da?" Kevin: "LAME..." Natalie: "Lame wer?" Um sofort eine Antwort von Facebook zu bekommen mit den drohenden Worten: "Hey Kev, wenn ich du wäre, würde ich den Witz nicht beenden."

Lamebook soll in der Welt Facebooks offensichtlich nicht mehr existieren. Gegenüber dem Technologieblog Techcrunch rechtfertigte Facebook sich mit den eigenen Geschäftsbedingungen, die es verböten, Dinge zu posten, die Rechte anderer Personen verletzten.

Die Totalblockade geschah zwar nur für wenige Stunden in der Nacht zum Dienstag. Doch sie zeigte, welche Macht in der Tatsache verborgen ist, dass so viele Menschen so vieles über das Netzwerk teilen. Bestimmte Dinge können einfach ausgesperrt werden.

Offensichtlich ist auch Facebook dahinter gekommen, dass die Blockade mehr Schaden als Nutzen bringt und hat sich inzwischen dafür entschuldigt. An Techcrunch schrieb Facebook-CTO Bret Taylor: "Wir haben einen Fehler gemacht. Bei dem Vorgehen gegen eine normale Markenverletzung, bei der es um einige Links ging, die auf Facebook gepostet wurden, haben wir alle Erwähnungen des Begriffs 'Lamebook' gesperrt. Wir engagieren uns dafür, Meinungsfreiheit auf Facebook zu fördern. Wir entschuldigen uns für den Fehler und arbeiten daran, dass das Verfahren, dass zu dem Vorfall führte, verbessert wird."

Der Streit selbst ist schon älter. Im April 2009 hatten Jonathan Standefer und Matthew Genitempo die Seite Lamebook gestartet und sich beim Namen und beim Layout am großen Vorbild orientiert. Im März 2010 dann erhielten sie dafür eine Abmahnung von Facebook, verbunden mit der Drohung einer Klage. Der kamen die beiden zuvor, indem sie selbst eine Klage einreichten. Eine sogenannte negative Feststellungsklage sollte ihnen bescheinigen, dass sie eine Parodie betreiben.

Sie sehen sich durch den ersten Verfassungszusatz gedeckt, der Amerikanern Rede- und Meinungsfreiheit garantiert. Facebook hingegen reagierte mit der bereits erwähnten Markenklage. Darin wird angemahnt, Lamebook bediene sich nicht nur der Marke, sondern auch des Inhaltes von Facebook, des Like-Knopfes. Außerdem verdiene Lamebook mit diesen Dingen Geld, denn auf der Website sei Werbung geschaltet.

Josh Huck, ein Sprecher der Parodieseite, sagte in einem Interview: "Das ist eindeutig vom ersten Verfassungszusatz gedeckt. Wenn sie keinen Spaß verstehen und wir bis zum Bundesgericht gehen müssen, um zu beweisen, dass es ein Spaß ist, dann müssen wir das eben tun."

Das allein wäre schon eine interessante Auseinandersetzung. Die Vollsperrung aber macht sie noch interessanter. Vor allem da anhand der Entschuldigung nicht klar wird, ob es sich um einen technischen Fehler oder um bewusstes Filtern gehandelt hat.

Theoretisch war sicher vielen Nutzern klar, dass Facebook zu solchen Mitteln greifen kann. Genau wie Google filtert auch das Netzwerk bestimmte Inhalte, beispielsweise Kinderpornografie. Einen sichtbaren Beweis, wie weit diese Filterung gehen kann, gab es aber bislang nicht. Dass es ihn nun gibt, lässt befürchten, dass Facebook mit seiner Marktmacht anfangen könnte, Politik zu machen.

Ist das schon Zensur?, fragen Beobachter wie das Blog netzwertig.com. Zwar sei das Netzwerk kein Staat, könne also im Sinne der Definition gar nicht zensieren. Doch bringe es aufgrund seiner Größe inzwischen für viele Menschen eine "gefühlte Alternativlosigkeit" mit sich.

Die Sperrung ist inzwischen aufgehoben und verschiedene Nutzer haben neue Lamebook-Fan-Seiten in Facebook angelegt. Die Zensur-Diskussion wird Facebook aber wohl nicht so schnell los.

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Privatsphäre

Die 2004 gestartete Seite Facebook will nach Aussage ihre Gründers Mark Zuckerberg die Welt offener und vernetzter machen. Das gelingt ihr offensichtlich viel zu gut, gab es doch bereits häufig Proteste, Facebook nötige seine Nutzer zu mehr Offenheit, als diese sich wünschten. So sammelt die Seite E-Mail-Adressen und Telefonnummern auch von Nichtmitgliedern, wenn Mitglieder ihr Adressbuch bei Facebook speichern. Sie nutzt diese Informationen, um Nichtmitglieder zu kontaktieren. Der Konzern hat inzwischen auf den Widerstand seiner Nutzer reagiert und zumindest die möglichen Einstellungen, welche Profilinformationen für wen sichtbar sein sollen, überarbeitet. Auch "Gruppen" wurden eingeführt. Nutzer können ihre Kontakte in solchen organisieren, damit nicht jede Information an alle geht.

Vernetzung

Aufgrund der Struktur der Seite ist es jedoch möglich, Schlüsse über jemanden zu ziehen, die er so nicht beabsichtigt hatte. Allein die als Freunde bezeichneten Mitglieder können durch ihre Interessen beispielsweise nahe legen, dass jemand homosexuell ist, auch wenn er selbst das nicht in seinem Profil angibt. Der hohe Vernetzungsgrad und die vielen verfügbaren Informationen machen es möglich, statistische Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und so neue Schlüsse zu ziehen. Kritiker sagen, das Netzwerk könne beispielsweise für Dissidenten lebensgefährlich sein, da es Gruppenstrukturen durchschaubar mache.

Profil

Wer Facebook nutzen, aber so wenig wie möglich über sich verraten will, sollte beispielsweise keinen Gruppen beitreten und keine persönlichen Interessen wie Musik angeben. Was genau das eigene Profil nach außen sichtbar macht, lässt sich unter anderem bei dieser Seite abfragen. Sie nutzt die offizielle API von Facebook, die Schnittstelle also, durch die externe Firmen Informationen über Mitglieder beziehen dürfen. Wer sich darüber hinaus davor schützen will, dass ihm mit einem gestohlenen Passwort sein halbes Leben abhanden kommt, kann inzwischen beim Login in seinen Account temporäre Passwörter nutzen.

Quelle: Zeit Online

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