Zirkel-Training : Was Google Plus kann - und was noch nicht

Bislang hat Google Plus zehn Millionen Nutzer. Überflüssig, sagen Kritiker über das neue Soziale Netzwerk des Internetkonzerns. Besser als Facebook, sagen andere.

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Mobil vernetzen: Seit kurzem ist auch die iPhone-App für Google Plus zu haben. Für Handys, die das konzerneigene Android-System nutzen, gab es das Programm für unterwegs schon früher.
Mobil vernetzen: Seit kurzem ist auch die iPhone-App für Google Plus zu haben. Für Handys, die das konzerneigene Android-System...Foto: dpa

Schon der Name gibt einen Hinweis auf den Unterschied. Plus nennt der Internetkonzern Google sein neues Soziales Netzwerk, mit er dem Marktführer Facebook Beine machen will. Während Facebook in seiner Urform gedacht war als elektronisches Kontaktforum für US-Studenten und erst nach und nach zum weltweit größten Sozialen Netzwerk ausgebaut wurde, wurde Google Plus (G+) gänzlich neu entwickelt. Den Seiten ist ihre unterschiedliche Entstehungsgeschichte anzumerken. Der Aufbau von G+ ist klarer und weniger verschachtelt als bei Facebook, obwohl es in weiten Teilen die gleichen Funktionen bietet. Die Grundidee, Menschen im Internet miteinander zu vernetzen, löst G+ mit den sogenannten Circles. So kann der Nutzer von Anfang an festlegen, ob er einen neuen Kontakt als Freund, Familienmitglied oder Bekannten definiert. Gibt der Nutzer eine Statusmeldung ab oder lädt ein Foto hoch, kann er entscheiden, welchem seiner Kreise er diese Informationen zugänglich macht. Neben den Standard-Circles kann er beliebig viele weitere Kreise ziehen, die er selbst benennen kann.

SCHNELLERE EINSICHT BEI G+
Vom Prinzip her lassen sich auch bei Facebook Informationsströme kanalisieren. Seit geraumer Zeit können Nutzer dort Listen mit Kontakten erstellen, die einen vollen oder eben eingeschränkten Zugang zu Statusmeldungen erhalten. Allerdings sind diese Listen komplizierter zu bedienen und zu pflegen als die Circles in G+. Wer nur schauen will, was eine Person auf G+ so treibt, an öffentlichen Informationen versendet, ohne mit ihr befreundet zu sein, kann das tun. „Nur folgen“ nennt sich diese Funktion, die damit eines der Grundprinzipien des Kurznachrichtendienstes Twitter aufgreift. Die öffentlich gesendeten Infos, Videos oder Fotos laufen automatisch im Stream des Nutzers ein, der dieser Person nur folgt. Eine solche Funktion sucht der Facebook-User vergebens. Hier lässt sich lediglich umständlich über die Personensuche ein Blick auf das Profil einer Person werfen, für die sich jemand interessiert, mit der er aber nicht enger vernetzt sein möchte. Umfangreicher als bei Facebook sind bei G+ auch die Möglichkeiten, mit Kontakten direkt zu kommunizieren. Zusätzlich zu üblichen schriftlich geführten Chats und Gruppenchats können G+-Nutzer Videotelefonate mit bis zu zehn Teilnehmern führen. „Hangout“ heißt diese Funktion in G+. Facebook fühlt sich von diesem Angebot offensichtlich herausgefordert und kündigte nun Anfang Juli ebenfalls einen Videochat an.

WER KOMMT ÜBERHAUPT REIN?
„Hat jemand noch eine Einladung zu G+ für mich?“ Diese Frage dürfte eine der am häufigsten auf Facebook geposteten seit dem Start von Google Plus vor einem knappen Monat sein. Wer sich einfach so mit seinem Google-Account bei dem neuen Netzwerk anmelden will, wird vertröstet. Der Internetkonzern betreibt die Plattform derzeit in einer Beta-, also einer Art Testversion. Mitmachen kann nur, wer von einem G+-Nutzer mit einem speziellen Link eingeladen wird. Google setzt damit auf das Prinzip der so genannten Early-Adopter, die sich ohnehin viel im Internet und in Sozialen Netzwerken bewegen und von denen sich die Entwickler Hinweise darauf erhoffen, was bei G+ nicht funktioniert oder was sich noch verbessern ließe. Derzeit gibt Google die Zahl der Nutzer von G+ mit rund zehn Millionen an. Gemessen an den 750 Millionen bei Facebook ist das eine verschwindend geringe Zahl, angesichts der Zugangsbeschränkung und der kurzen Zeit seit dem Start aber dennoch erfolgversprechend.

WO FACEBOOK ÜBERLEGEN IST
Letztlich wird Google nicht daran vorbeikommen, sich bei den Nutzerzahlen mit Facebook zu messen. Denn für Nutzer von Sozialen Netzwerken bleibt der entscheidende Faktor, mit wie vielen ihrer Freunde, Bekannten und Kollegen sie schnell und unkompliziert auch über räumliche Entfernung hinweg kommunizieren können. Jeff Weiner, Chef von LinkedIn, einem vor allem im angelsächsischen Raum weit verbreiteten Business-Netzwerk, formuliert das Kriterium für den Erfolg von G+ so: Die Menschen nutzen LinkedIn zur Pflege ihrer Geschäftskontakte, Facebook zur Pflege ihrer privaten und Twitter, um einem großen Publikum schnell etwas mitzuteilen. Im Klartext: G+ ist in seinen Augen überflüssig. Es muss Nutzern also mehr bieten, damit sie einen Anreiz haben, von einem anderen Sozialen Netzwerk „überzusiedeln“. Hier hat G+ noch Potenzial. Was die Bandbreite der Nutzungsmöglichkeiten angeht, ist Facebook derzeit überlegen. Bislang gibt es bei G+ weder Fanseiten noch Gruppen, weder ein Veranstaltungstool noch ein eigenes Mailsystem. Viele Funktionen wie etwa Mails kann Google jedoch nach und nach aus seinen vielen externen Diensten in das Netzwerk integrieren und sich aus Sicht seiner Nutzer Vorteile gegenüber Facebook verschaffen. Wäre beispielsweise Google Docs, also Textverarbeitung und Tabellenkalkulation, integriert, könnten Nutzer mit wenigen Klicks ihre Dokumente mit ihren G+-Kontakten teilen.

HEIKLES THEMA: DATENSCHUTZ
Ein weiterer nicht unerheblicher Faktor für einen Wechsel könnte der Datenschutz sein. Grundsätzlich muss jeder Nutzer wissen, dass er Daten im Internet preisgibt, wenn er in einem Sozialen Netzwerk unterwegs ist. Doch gehen Facebook und G+ auf unterschiedliche Weise damit um. Bei der Anmeldung erfasst G+ anders als Facebook auch die Telefonnummer, mit der Begründung, den Anmeldecode auch auf diesem Weg versenden zu können. Ansonsten gibt G+ jedoch bessere Kontrolle über die erfassten Daten. Sie sind über ein zentrales Datenschutzcenter recht übersichtlich zu editieren. Bei Facebook zeigt sich an dieser Stelle wieder, dass es erst nach und nach gewachsen ist. Zwar gibt es auch dort einen speziellen Privatsphäre-Bereich. Die Einstellungen für die Daten sind jedoch über alle Bereiche und in unzähligen Menüs verstreut. Dieses Phänomen ist künftig auch bei G+ nicht auszuschließen, da sich die Datenschutzbedingungen mit nahezu jedem zusätzlichen Feature ändern dürften.

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