Zu PAPIER gebracht : Smart-O-Mat in der Eckkneipe

Es sind meist die kleinen Kneipen, in denen die ganz großen Themen diskutiert werden. Themen wie Liebe oder Abhängigkeit...

von
Dominik Drutschmann.
Dominik Drutschmann.Foto: privat

Und ob es da überhaupt einen Unterschied gibt. Es ist spät, viel zu spät. Die Lieblingskneipe hat schon dicht. Was bleibt, ist eine schäbige Eckkneipe.

Plastikpalme zum Holzimitat, an der Theke meckert einer sein Trinker-Mantra ins Bier, ein anderer hält sich an seinem fest. In der Ecke daddeln zwei an blinkenden Automaten: Geld rein, Knopf drücken. Kirschen, Zitronen, Dollarscheine rotieren. Drücken. Stopp. Nichts. Und wieder von vorne. Und dann wieder.

Machen die das gern? Oder sind sie süchtig? Mein Kollege ist sich sicher: „Die sind süchtig!“ Dabei will eine US-amerikanische Wissenschaftlerin herausgefunden haben, dass die meisten Menschen, die an Automaten spielen, nicht etwa auf den großen Gewinn hoffen. Nein, sie mögen die Abfolge, das Einfache, die Wiederholung: Geld rein, drücken, etwas bewegt sich, wieder drücken. Sie werden eins mit dem Takt der Maschine, werden selbst Teil der Maschine.

Mein Kollege fummelt sein Smartphone aus der Hosentasche, will ein Foto machen. Ihn erinnert das hier an seine Eckkneipe in Dortmund. Und wenn er gerade schon dabei ist, schaut er auch gleich mal auf Facebook rein, klickt sich durch Fotoalben entfernt Bekannter.

Mein Kollege ist bei Twitter gelandet

Vor uns werden zwei Bier auf den Tisch geknallt. Mein Kollege hat noch immer kein Foto gemacht, checkt aber mittlerweile seine Mails. Morgens um fünf. Eine Münze fällt in den Automaten, alles dreht sich. Der Typ am Automaten trinkt einen Schluck aus dem Bierglas, halb voll. Der Blick ganz leer. Und wieder: einwerfen, drücken, warten.

Mein Kollege ist mittlerweile bei Twitter gelandet. Halb sechs. Die Timeline spuckt nichts mehr aus. Immer wieder streicht er mit seinem Daumen über das Display. Aktualisieren. Wieder nichts. Gleiches Bild am Automaten: Geld rein, Daumen drücken auf Tasten. Drehen. Nichts.

Und dann, um kurz vor sechs, passiert es: Es klingelt, nicht der Jackpot, aber immerhin, der Automat spuckt ein paar Münzen aus. „Ohhs“ und „Ahhs“ aus Raucherkehlen füllen den Raum. Der Spieler ist ungerührt. Mein Freund ist noch immer bei Twitter, aktualisieren, nichts, aktualisieren.

Da kommt ein Tweet rein. „Kann nicht schlafen #sleepless#gähn.“ Er bleibt ungerührt. „Liebst du dein Smartphone?“, frage ich. „So ein Quatsch“, sagt er. Mein Blick wandert vom Zocker zu meinem Kollegen und wieder zum Zocker. So groß, denke ich, ist der Unterschied nicht.

Dominik Drutschmann ist freier Autor.

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