Zu PAPIER gebracht : Zurück zur Natur

Digital simulierte Landschaftsbilder auf dem Computerdisplay können fürs Gemüt genauso positiv sein wie ein tatsächlicher Ausflug ins Grüne. Für Koi-Simulationen auf dem Smartphone und Donnergrollem als Klingelton gibt es nun sogar einen eigenen Fachbegriff.

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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Apropos unnütze Internetphänomene, die sich mit der Zeit zum Glück von selbst erledigen: Kein Schwein spielt mehr Farmville, und keiner verschickt noch nervige Einladungen dazu. Überlebt hat allerdings der Wille, in den eigenen digitalen Alltag möglichst viel Natur zu integrieren. Hier eine Amazonaslandschaft als Bildschirmhintergrund, dort Grillenzirpen als Klingelton. Es gibt jetzt eine App, die Donnergrollen imitiert, und mit der ebenfalls neuen Simulation „My horse“ darf man sich einen Gaul auf sein Smartphone laden, der dann gestreichelt und gefüttert werden möchte. Pferdeäpfelwegschaufeln inklusive. Ja, wir lieben die Natur in unserer Technik, und hurra, endlich gibt es ein Fachwort dafür: „Techno-Biophilie“.

Geprägt hat den Begriff die britische Autorin Sue Thomas. Zuerst war ihr bloß aufgefallen, wie viele digitale Begriffe Naturbezug haben. Stream, Maus, Surfen, Cloud, Virus, Wurm, Bug, tweeten ... die Liste ließe sich fortsetzen. Sue Thomas behauptet: Wenn wir auf Facebook alberne Tierfotos liken, dann ist das nur vordergründig lustig. Die Ironie dient als Feigenblatt, denn in Wahrheit brauchen wir diese Bilder! Weil wir einem unterschwelligen Drang folgen, an der Natur umso stärker festzuhalten, je tiefer wir ins digitale Zeitalter eintauchen. Klingt esoterisch, aber womöglich hat Thomas recht. Kanadische Psychologen konnten bereits nachweisen, dass digital simulierte Landschaften, sofern sie nur halbwegs realistisch und detailgetreu dargestellt werden, dieselbe positive Wirkung haben wie ein tatsächlicher Ausflug in Grüne: Sie erhöhen die Zufriedenheit des Betrachters, lindern Ängste, Traurigkeit und Wut genauso wie Stressanfälligkeit. Wahrscheinlich würden wir uns online gegenseitig rund um die Uhr trollen (noch so ein Wort!), hätten wir nicht unsere begrünten Desktops und Profilbilder.

Die technischen Möglichkeiten zum Ausleben von „Techno-Biophilie“ werden zunehmen, die Simulationen noch viel plastischer werden. Wo der Bildschirmhintergrund heute ein statisches Foto ist, könnte morgen eine bewegte Liveübertragung aus der Wüste Gobi oder von einem Wildbach im Harz stattfinden. Es muss ja nicht gleich das Star-Trek’sche Holodeck sein (obwohl das natürlich wahnsinnig toll wäre), doch wer weiß, welche derzeit vernachlässigten Sinne in Zukunft noch alles angesprochen werden?

Sue Thomas denkt das zu Ende und fragt sich, ob uns die digitale Welt langfristig sogar all die Natur schenken kann, die wir benötigen – was den Gang in die Realität samt lästigen Begleiterscheinungen wie windzerzauste Haare oder nasse Füße dann überflüssig machte. Mit einer Antwort hält sie sich vornehm zurück. Aber auf ihrem Smartphone hat Thomas jetzt angeblich die App „Koi Live Wallpaper“ installiert, da schwimmen die Fische weg, sobald man mit dem Finger kurz über den Bildschirm wischt. Herrlich.

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