Digitaler Hörfunk - das muss nicht sein : "Wieso 300 Millionen Radios abschalten?"

Privatfunk-Lobbyist Klaus Schunk wehrt sich gegen das drohende Aus für das UKW-Radio, begrüßt die Web-Konkurrenz und moniert zu viel Werbung im ARD-Hörfunk.

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Vorglühen. Der richtige Song im Radio bringt Party People in Schwung.Foto: pa/Cultura
Vorglühen. Der richtige Song im Radio bringt Party People in Schwung.Foto: pa/CulturaFoto: picture alliance / Cultura

Herr Schunk, wie lange wird es das Radio noch geben?
Ist Ihre Frage wirklich ernst gemeint? Radio ist über UKW, online und beim mobilen Empfang eines der beliebtesten Angebote überhaupt. Rund 80 Prozent aller Deutschen hören täglich Radio. Das heißt, mehr als 60 Millionen Hörer schalten in Deutschland täglich das Radio an und hören durchschnittlich über vier Stunden zu. Und nach den jüngsten Reichweitenerhebungen haben wir innerhalb eines Jahres eine halbe Millionen Zuhörer pro Tag dazugewonnen. Radio ist sexy und Radio kommt an.

Aber das Internetradio wird das UKW-Radio ablösen.

Das ist noch ein langer Weg. Als Radiomacher bin ich überzeugt, dass dieser Übergang nichts an der Relevanz des Radios ändern wird. Die privaten Radios sind schon heute im Bereich Webradio, Apps und mobilen Empfang mit innovativen Angeboten unterwegs. Auf die Inhalte kommt es an. Laut Studien werden auch im Internet lokale und regionale Angebote am stärksten nachgefragt. Für das digitale Radiozeitalter sind wir also gut gewappnet und im Übrigen werden im Netz zu mehr als 80 Prozent die über UKW gewohnten Radiomarken gehört.

Der Verlust an Reichweite bei den jungen Hörern ist dramatisch …

… das ist ein oft gehörtes, aber falsches Gerücht. Fakt ist: Unsere größten Zuwächse gewinnen wir bei jungen Hörern zwischen zehn und 29 Jahren. In den letzten zwei Jahren haben wir hier über drei Prozent neue Hörer gewinnen können und diese Hörer bleiben zudem täglich rund fünf Prozent länger am Radio.

Wann wird das UKW-Zeitalter beendet sein?

Das ist eine spannende Frage, die ganz aktuell im Gesetzgebungsprozess zum Telekommunikationsgesetz (TKG) im Bundestag beraten wird. Laut dem Gesetzesentwurf der Bundesregierung soll die Frequenzzuteilung der UKW-Frequenzen 2015 widerrufen werden. Dieses Datum ist – auch wenn damit keine UKW-Abschaltung gemeint ist – völlig unsinnig und verunsichert Markt und Sender. Wir würden es begrüßen, wenn man auf ein konkretes Datum ganz verzichtet. Man sollte diesen Zeitpunkt davon abhängig machen, wann genügend Digitalempfänger im Markt sind. Heute gibt es 300 Millionen UKW-Radios in Deutschland, aber noch keine für DAB+. Das ist ein weiter Weg und anders als die ARD müssen wir Privaten unsere Kosten für die Umstellung selbst über UKW verdienen.

Im Herbst startet das terrestrische Digital-Radio DAB+. Die Privatfunkszene ist gespalten, ob sich die Sender beteiligen sollen. Wie ist die Position des Verbandes?

Wir sind nach wie vor sehr skeptisch. Die kritischen Fragen, die der VPRT zu diesem Thema gestellt hat, sind noch nicht beantwortet. Bis 2015 über 15 Millionen Geräte in den Markt zu bringen, bleibt eine Herausforderung. Hinzu kommt, dass es auch mittelfristig in der Fläche keine annähernd befriedigende Versorgung gibt. Selbst wenn das digitale Netz ausgebaut ist, werden im ersten Schritt die Sender nur entlang der Autobahn zu hören sein. In meinem Bundesland Baden-Württemberg liegt die technische Reichweite beispielsweise gerade mal bei 50 Prozent. Im Übrigen hat der VPRT immer betont, dass seine Mitglieder bei unternehmerischen Entscheidungen selbstverständlich autark sind. Da gibt es keine zwei Verbandsmeinungen oder gar Spaltung, sondern verschiedene Unternehmensrichtungen.

Wen vertritt der VPRT eigentlich: Die rund 200 UKW-Radios oder die rund 2500 Web-Stationen?

Keine Sorge, wir verschlafen die Zukunft nicht. Im Augenblick ist UKW der relevante Verbreitungsweg und das einzige Geschäftsmodell, mit dem wir auch für die notwendigen Investitionen verdienen können. Aber für die privaten Radios gilt: Wie sind immer da, wo unsere Hörer sind. Deshalb können Sie private Radios schon nicht erst seit heute auf allen neuen Wegen empfangen – mit den bekannten und eigenen Web-Angeboten.

Die Privatfunk-Lobby kämpft immer noch ganz uneigennützig für den werbefreien ARD-Hörfunk?

Natürlich nicht ohne Eigennutz … Wir haben uns für einen Stufenplan bei der ARD-Radiowerbung ausgesprochen. Damit wollten wir pointiert das Augenmerk auf die bestehenden Missstände lenken. ARD und ZDF ist mit Ausnahmen im Sponsoring in ihren Fernsehprogrammen Werbung ab 20 Uhr untersagt. Das ist die Fernseh-Primetime. Eine solche Schutzzone gibt es für das private Radio aber nicht. In der Radio-Primetime morgens dürfen die ARD-Radiosender werben. Das muss analog zum Fernsehen korrigiert werden. Vor allem aber sollten die Werbevorgaben für die ARD-Radios der einzelnen Anstalten vereinheitlicht werden. Dafür könnte in einem ersten Schritt das NDR-Modell mit 60 Minuten Werbung täglich beispielhaft sein.

Was ist die Zukunftsstrategie? Mehr Senderfamilien, mehr Kooperationen, mehr Programmaustausch, Franchise-Radio, ein Verkehrsfunk für alle Stationen?

Privatradios sind meistens in der Region verankert. Das macht den Kern ihrer Hörerbindung aus und setzt einem Programmaustausch, Franchise-Modellen und ähnlichen Überlegungen natürliche Grenzen. Dennoch sollten überholte und kleinteilige Spezialregelungen zu Programmzahlbeschränkungen und Kooperationen hinterfragt werden, um mehr Wachstum dort zu ermöglichen, wo Synergien entstehen können.

Was muss an den Rahmenbedingungen für die Gattung Radio verbessert werden?

Wir würden uns freuen, wenn die Regulierung sich mehr mit den Besonderheiten des Radios befassen würde. Die ganze Gesetzgebung stellt primär auf das Fernsehen ab. So wäre die schon erwähnte radiospezifische Regelung der Werbezeiten bei der ARD ein wichtiger Schritt zur deutlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen für uns. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl und Weitsicht würde ich mir bei den Medienpolitikern schon wünschen. Denn Google und andere sind schon längst im lokalen Werbemarkt angekommen – unreguliert, vielleicht unbeachtet in der deutschen Medienpolitik.

Wo immer man Privatradio hört, niemals würde sich einem der Gedanke aufdrängen: Sind die aber kreativ und innovativ.

Gegenfrage: Wenn wir es nicht wären, warum kopieren uns dann immer mehr ARD-Wellen? Niemand hat Radio so verändert wie die Privaten. Natürlich sind der Kreativität Grenzen gesetzt: Wir müssen unser Geld durch Werbung verdienen, und die Währung dafür heißt Hörerreichweite. Also richten wir uns konsequent am Geschmack unserer Hörer aus. Ihr Blick scheint mir daher etwas verengt zu sein.

Das Interview führte Joachim Huber.

Klaus Schunk ist Radio-Vorsitzender des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) und geschäftsführender Programmdirektor von Radio Regenbogen in Mannheim.

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