Digitales Archiv : Der WDR sammelt Super8-Filme ein

Kennzeichen D: Mit einem digitalen Archiv des analogen Alltags will der WDR alte Bilder, Super-8-Filme und Videos retten.

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Die Website digit.wdr.de. Screenshot: Tsp
Die Website digit.wdr.de.Screenshot: Tsp

Eine graustichige Skyline, Hochhäuser, Häuser, VW-Käfer, eine große Stadt, offenbar Köln/Bonn, der Rhein, ein Schwenk, das alte Haus der Bundespressekonferenz, Staatslimousinen fahren vor, Kennzeichen „D-01“. Willy Brandt steigt aus, verschwindet im Gebäude, Journalist Friedrich Nowotny hinterher. Zu den Bildern das Rasseln einer abgespulten Super-8-Filmrolle auf dem Computerbildschirm. Wir sind mitten drin in den 1970ern, in digit.wdr, dem Projekt, mit dem der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und seine Zuschauer Super-8-Filme, Bilder, Dias und Videokassetten vorm Verschwinden retten wollen.

Super 8, fast schon ein Mythos. Das 1965 eingeführte Schmalfilmformat war überwiegend für den privaten Bereich gedacht, um Familienfeste, Urlaube oder öffentliche Ereignisse in bewegten Bildern festzuhalten. Quelle vieler kollektiver Erinnerungen, Vorläufer der Smartphone- Kameras, die alles und jeden festhalten. Was aber, wenn diese Super-8-Bilder von damals – oder der technische Nachfolger in den 1980erJahren, die Videokassetten – in Dachstuben oder Kellern dieser Republik vor sich hin vergilben? Der erste Italienurlaub ohne Eltern, als dem Opel Kadett am Brenner der Kühler platzte. Die Beatles bei der Autogrammstunde vor dem Circus Krone. Die Siegerehrung der Bundesjugendspiele 1989 an der Wilhelm-Kraft-Gesamtschule in Sprockhövel.

Digit.wdr hat viel Resonanz

Digit.wdr soll helfen, analoges Material in unser Digitalzeitalter hinüberzuretten (die WDR-Website). Das Projekt hat erstaunlich viel Resonanz. „Bisher haben etwa 1500 Personen Bilder, Filme oder Videos abgegeben, eingesandt oder hochgeladen, wir haben 14 000 Beiträge online“, sagt eine WDR-Sprecherin. Große Chancen. digitalisiert zu werden, haben vor allem Aufnahmen, bei denen ein besonderes Ereignis im Mittelpunkt steht. Oder Fotos und Filme, bei denen der Zeitgeist der jeweiligen Dekade sichtbar wird wie zum Beispiel in Köln/Bonn, dank dem User/WDR-Zuschauer „thorup“, die alte Bundesrepublik. Weiteres Beispiel: Eine Aufnahme des Kölner Doms aus den 1960er Jahren ist auf den ersten Blick kaum von einem aktuellen Foto des Doms zu unterscheiden. Interessant für Digit wird eine Aufnahme dann, wenn das Besondere der jeweiligen Aufnahmezeit an weiteren Merkmalen deutlich wird. An der Kleidung der Menschen etwa, die über die Domplatte schlendern. Röhrenjeans oder Schlaghosen spiegeln die Mode wider. Die längst nicht mehr sichtbare Architektur der umliegenden Häuser machen das Besondere einer solchen Aufnahme aus. Mit dem zeithistorischen Wert steigt das Interesse von digit.wdr an einer Bearbeitung des Materials. Wenn alles digitalisiert ist, bekommen die Einsender Fotos oder Filme zusammen mit einer digitalen Kopie auf einem USB-Speicherstick zurück. Die Erlaubnis, die Aufnahmen verwenden zu dürfen, werden mit dem Aushändigen des Materials gegeben.

Digit steht für digital, ist gleichzeitig eine Aufforderung: „Dig it“ heißt im Englischen „grab es aus“. Daraus abgeleitet, werden die aktiven Nutzer, die Digit mit Bildern und Videos füllen, „Digger“ genannt. Das geht zum einen über einen Upload auf der WDR-Website, falls das ursprüngliche analoge Bild- und Videomaterial zu Hause digital abgelesen wurde. Zum anderen kommt der WDR mit seinem Digit-Mobil auch zu seinen Zuschauern, bietet Termine vor Ort an, wo Filme und Kassetten abgegeben werden können. Das Material ist regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Eine kleine Übersicht gibt es im Internet unter www1.wdr.de/themen/digital/digit122.

Natürlich kann Digit auch von all denjenigen genutzt werden, die selbst kein Material zur Verfügung stellen können oder wollen. Eine Suchfunktion animiert zum digitalen Stöbern. Wer will, kann das Material anderer User bewerten oder mit seinem Kommentar unter einem Foto fehlende Infos ergänzen. Stichwort Schwarmintelligenz: Wer ist der Spieler neben Olaf Thon beim Schnappschuss vom Freundschaftsspiel gegen Wuppertal? Wer steht da noch neben Willy Brandt? Kann das Bild von 1961 sein, wenn darauf ein A-Kadett zu sehen ist? Die Intelligenz der Masse soll helfen, das Bild genauer und schärfer zu stellen.

Das für den Grimme-Online-Preis nominierte Projekt soll bis mindestens bis Ende 2013 weiterlaufen, danach bleibt das Archiv online. Vorbilder dafür gibt es laut WDR nicht. Obwohl Super 8 von Kunst- wie Experimentalfilmern noch verwendet wird, auch bei der Produktion von Werbefilmen und Musikclips wird das Format eingesetzt. Selbst in aktuellen Kinofilmen finden sich Szenen, die auf Super 8 gedreht wurden wie im Zombie-Film „28 Days Later“ von Danny Boyle.

Nun also der WDR. Fragt sich bloß, wann andere Sender nachziehen. „Wir sehen das und finden es eine schöne Idee“, sagt ein Sprecher des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Zur Ifa wurde der Internetauftritt rbb-online.de komplett neu gestartet, mit multimedialen Nachrichten, Video- und Audioberichten. Genug Raum, um irgendwann aus den Kisten und Kartons der RBB-Zuschauer im Keller mit Fotos, Filmrollen und Dias ein digitales Archiv zu machen.

Im Internet: digit.wdr.de

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