Digitales Leben : Lieber online als alt sein

Längst sind die Jungen im Netz nicht mehr unter sich. Mehr als 50 Prozent der Senioren nutzen digitale Medien, werden mobiler und kommunikativer

von
Günter Voß hat den SeniorenComputerClub Berlin-Mitte mitbegründet. Sehr beliebt sind Kurse zur digitalen Bildbearbeitung. Illlustration von Katharina Mestchl, Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Günter Voß hat den SeniorenComputerClub Berlin-Mitte mitbegründet. Sehr beliebt sind Kurse zur digitalen Bildbearbeitung.Illlustration von Katharina Mestchl, Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ganz ehrlich, wenn sie ihren Computer nicht hätten, würden diese Menschen viel weniger an die frische Luft kommen, so paradox das klingt. So aber treibt das Internet, oder besser: treiben ihre Schwierigkeiten mit dem digitalen Alltag 52 Mitglieder des Senioren-Computer-Clubs Mitte regelmäßig in einen umwehten grauen 21-Geschosser auf der Berliner Fischerinsel bei einer analogen Tasse Kaffee zusammen. Wie gut, dass es diese Probleme heute gibt!

So sitzen jetzt acht von ihnen an den Arbeitsplätzen im Erdgeschoss, einer hat seine Lupe mitgebracht, mit der er sich gerade den Bildschirm vergrößert. Das Gehirnjogging-Programm von „NeuroNation“, einem Berliner Start-up, kann er so gleich besser erkennen. Das Programm bietet Spiele, mit denen Sensorik, Logik und Rechnen trainiert werden. „Ein Riesenvorteil für ältere Menschen: Wenn ich nachts nicht schlafen kann, habe ich hiermit 20 Minuten Konzentration.“

Das sagt Günter Voß, der seehundschnäuzige Koordinator und Mitbegründer des Clubs. In seinem ersten Leben drehte er als Produktionsleiter in der DDR Dokumentarfilme, im vergangenen Jahr hat er für den Club den „Goldenen Internetpreis“ in Empfang genommen, der von Google mitverliehen wird. Für die Vermittlung von Internetkompetenz.

Allein das Geduze!

Voß hat in seinen sechs Jahren beim Club – Durchschnittsalter 73 Jahre – verschiedene Arten der Ermächtigung gesehen. Da ist die Frau, die heute selbstverständlich im Netz Karten für ihre Konzerte bestellt. Er half einer frischen Witwe, die an kein Bargeld kam, weil ihr Mann das Geld bei einer Online-Bank verwaltet, sie aber noch nie einen Computer benutzt hatte. Voß hat einem 87-Jährigen gezeigt, wie er mit seinem Neffen in den USA Kontakt hält. Und einem „Wetterfreak“, wie er überall auf der Welt verfolgen kann, wo die Sonne scheint, „auch, wenn er da selbst nicht hinfährt“.

Die Hälfte der Senioren, hieß es zuletzt, könne sich heute ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. Aber wie genau sie das Netz nutzen, ist vielen immer noch ein Rätsel. Günter Voß hat schnell gelernt, was die Älteren brauchen und dass das gar nicht so häufig mit dem übereinstimmt, was Firmen glauben, was Ältere wollen. Allein das Geduze! Günter Voß besaß einmal eine hervorragende Lern-Broschüre, die wenig kostete und die er für seinen Verein benutzen wollte. Es ging nicht, sagt Voß. Die Duzerei hat keiner ertragen. „Ältere Leute wollen respektiert werden.“ Jüngere machten sich keinen Begriff, dass deren Eintritt ins digitale Leben schon an der Anrede scheitern kann.

Was also taugen zum Beispiel die neuen Kochboxen? Sind Essenslieferungen nicht eine große Erleichterung für ältere Leute, denen das Tragen schwerfällt? Günter Voß winkt ab. Das Essen komme noch früh genug auf Rädern. Vorher gehe es im Gegenteil darum, so lange wie möglich noch am Leben draußen teilzunehmen, solange es geht, selber einzukaufen. Unter Leute zu kommen. Einkaufen ist auch eine soziale Interaktion, kontraproduktive Lieferungen fördern die Isolation.

Was also treibt seine Leute in den Club? Warum wollen sie ins Netz?

Ältere Menschen sind beleidigt von großer Schrift

Oft fange alles mit einer Digitalkamera an. „Denn was macht einer, der eine Kamera geschenkt bekommen hat, wenn der Chip voll ist? – Er muss sich einen Computer kaufen.“ Sonst könnte er die Bilder weder speichern noch verarbeiten oder verschicken. Und schon ist wieder jemand ins Netz gegangen und drin in der digitalen Welt. Und so haben sich die Foto-Gruppen zu den Rennern im Club entwickelt. Die Mitglieder unternehmen Exkursionen, lernen Photoshop und ihren Videos Kommentare zu unterlegen, „die besser klingen als die U-Bahn-Ansagen“.

Tatsächlich mache man sich keine Vorstellungen, wo das Leben von einem Tag auf den anderen digital werde. Es beginne weit vor dem ersten eigenen Computer bei jeglicher Mensch-Maschine-Kommunikation. Der erste Kontakt mit einem Touchscreen entstehe schon bei einem Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn, wenn einer bloß mit einem Brandenburg-Ticket ins Grüne fahren will. Der Umgang mit Smartphones müsse geübt werden und die Bedienung des neuen Fernsehers. Sogar mit Autos müsse man heute kommunizieren.

Und das Alter ist ja eine sensible Lebensphase. Wer dort eintritt, wird empfindlich. Viele ältere Menschen sind beleidigt von Produkten mit großer Schrift. Sie sind unangenehm berührt, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Defizite beworben werden: Du kannst nicht mehr gehen? Bestell’ dir doch Essen nach Hause. Du kannst nicht mehr reisen? Folge deinen Enkeln auf Facebook. Du kannst keine Hilfe mehr holen? Betätige den vernetzten Notknopf. Auf die Prothesen aus dem Internet reagieren viele mit Widerstand.

0 Kommentare

Neuester Kommentar