Medien : Diplomat im eigenen Land

Günter Gaus war Journalist und der erste Bonner Botschafter in der DDR. Jetzt starb er nach langem Krebsleiden

Hellmuth Karasek

Damals, 1973, als Willy Brandt zum zweiten Mal Bundeskanzler wurde, war Günter Gaus der Mann der historischen Stunde, der geschichtlichen Wende. Der neue alte Kanzler, der mit einer deutlicheren Mehrheit, die er bei der Wahl gewonnen hatte, die von Egon Bahr und ihm konzipierte neue Ostpolitik entschieden vorantreiben konnte, ernannte den 44jährigen Günter Gaus zum ständigen Vertreter der Bundesrepublik in Ostberlin, in der DDR. Gaus war damals Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ und als Journalist längst einer der vehementesten Befürworter der neuen Ostpolitik, die statt Konfrontation auf Wandel durch Annäherung setzte und die DDR als gleichberechtigten zweiten deutschen Staat auch durch Entsendung eines „Botschafters“ in ein anerkanntes Land, das doch laut Grundgesetz zur Bundesrepublik gehörte oder gehören sollte, sobald es zur freien Entscheidung fähig war.

Das war damals unerhört, eine Chance für das friedliche Nebeneinander für die einen, ein Verrat an der Einheit für die anderen. Nach und nach machte Gaus mit seiner Amtsführung deutlich, dass er das Amt auch für die Erleichterung des Lebens der in der DDR lebenden Deutschen nutzen wollte und konnte – allerdings um den Preis, den Staat, in dem er Vertreter Deutschlands war, zur immer weiteren Anerkennung einer eigenen Souveränität verhalf.

Gaus, der über eine große analytische Intellektualität verfügte und über eine scheinbare Kälte, die seine diplomatischen Talente einhüllte wie es seine geschliffenen Manieren taten, war so zu seinem nicht nur scheinbar gefühlsbetonten Kanzler ein ideales Pendant – er wurde zum wichtigsten deutschen Diplomaten im Ausland – das aber in Wahrheit Inland war.

Kein Wunder, dass er, nachdem Willy Brandt nach dem Guillaume-Fall gestürzt wurde – verraten, wie es seine Witwe Brigitte Seebacher-Brandt gerade in ihren ausgerechnet im „Spiegel“ vorabgedruckten Memoiren suggeriert, in die Resignation getrieben, die dann in Krankheit und Tod mündete – mit Helmut Schmidt nicht eine Politik fortsetzen konnte, die dieser Kanzler nicht mit seinen Überzeugungen vertreten wollte. Mit Helmut Schmidt und Gaus trafen zwei kühle Analytiker aufeinander, zwischen denen die Chemie nicht mehr stimmte, auch weil sie die deutsche Situation konträr analysierten.

Heute wirkt, was damals wie der Scheitelpunkt einer Wende im Ost-West-Konflikt aussah und Gaus als eine Art Talleyrand einer historischen Wende erscheinen ließ, doch eher wie ein Intermezzo, dessen klimatische Wirkungen wohl größer sind als ihre historisch auslotbare Bedeutung – vergessen wir nicht, dass die heutige SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten Gesine Schwan damals dem von Willy Brandt, Egon Bahr und Gaus vertretenen Kurs auf das heftigste widersprach, bis zum Verlust ihrer Ämter.

Gaus hatte, als ihn der Ruf des Kanzlers Brandt ereilte, schon mehrere journalistische Laufbahnen hinter sich, als „Spiegel“-Redakteur war er genau in das strenge Regiment geraten („Strafbatallion des deutschen Journalismus“ nannte er das), das er Jahre später, als Chefredakteur auf das perfekteste als deren Kommandeur beherrschte.

Mit Fug kann man sagen, dass er unter den wechselnden Chefredakteuren neben und unter Rudolf Augstein sicher derjenige war, der dem „Spiegel“-Gründer an Verstandesschärfe und Entscheidungsmut am nächsten kam. Sein Selbstbewusstsein, das anderen auch eitel abweisend erscheinend konnte, gab ihm dazu die nötige Kraft.

Merkwürdig, dass Gaus, der im Fernsehen eine der interessantesten Interview-Reihen entwickelte (als solche Innovationen noch nicht „Format“ hießen, aber Format hatten), bei dieser Form ganz gegenüber seinen Gesprächspartnern zurücktrat, als interessantester Hinterkopf auf dem Fernsehschirm. Dabei war er intellektuell glänzend aufgelegt und gründlich präpariert, so dass seine Gesprächspartner ihm – und damit dem Zuschauer – wirklich Rede und Antwort stehen mussten.

Gaus war viel (Programmdirektor des Fernsehens, Zeitungsredakteur, Buchautor, Historiker, Wissenschaftssenator in Berlin) und doch immer er selbst: Ein strenger, scharfer Kopf, hinter dem man gar nicht vermutete, dass er sehr wohl über Lebensart und Lebenslaune verfügte, ein leidenschaftlicher Reiter, der sich von seiner Herrenart sicher auch dazu verführen ließ, in der DDR an den Jagdvergnügungen der Nomenklaturen um Honecker teilzunehmen: was er natürlich stets mit diplomatischer Nebenabsicht, aber auch mit gutsherrlichem Vergnügen tat.

Wer wie ich in den letzten Jahren, in denen er sich tapfer, fast mit brüskem Heroismus seiner Krankheit, dem Krebs im Kehlkopf und Speiseröhre, widersetzte, die Gelegenheit hatte, mit ihm beim Mittagessen lange Gespräche zu führen, über das Gestern, aus dem er stets Nutzen für Jetzt und Morgen zu ziehen suchte, der wird eines so schnell nicht vergessen: seinen blitzschnellen Verstand, seine Fähigkeit, andere Argumente messerscharf zu widerlegen – ohne das Gegenüber dabei erniedrigen zu wollen.

Er wirkte aus Scharfsinn unduldsam, war es aber in Wahrheit nie – weil er aufgeklärt war und nichts so sehr liebte wie den Schlagabtausch der Gedanken und Argumente.

DER JOURNALIST

„Süddeutsche Zeitung“, „Spiegel“- Chef 1969 bis 1973. Gesprächsreihe „Zur Person“ seit 1963 für ZDF und seit 1990 für ORB

DER POLITIKER

Bonner Missionschef in Ost-Berlin 1974 - 1981, danach Wissenschaftssenator in Berlin, Berater von SPD-Chef Willy Brandt

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