Diskussionen : Trauerfeier, Live-Ticker, Talkmomente

Das Fernsehen und der Tod von Robert Enke

Markus Ehrenberg

Muss die Aufgabe, die uns Robert Enke mit seinem plötzlichen Freitod gestellt hat, von TV-Experten gelöst werden? Von Reinhold Beckmann, ARD, Michael Steinbrecher, ZDF, Thomas Herrmann oder Udo Lattek, DSF? Viel Enke am Wochenende auf allen Kanälen: Fünf Fernsehsender übertrugen die Trauerfeier aus der Hannoveraner Arena am Sonntagmorgen mit dem aufgebahrten Sarg des Fußballtorwarts in der Spielfeldmitte, dazu Live-Ticker im Internet und diverse Talkrunden. ARD, DSF, N24, n-tv, NDR, manche sagen: Das war zu viel. Zu viel Enke. Und wenn schon Trauer als TV-Spektakel im Ersten: Musste Beckmann immer gleich hineinreden, ins Adagio, ins Schweigen, ins Klatschen der 35 000 Fans im Stadion?

Abgesehen davon, dass Beckmann nicht jeden Tag Trauerfeiern kommentiert – wer danach beim Spartensender DSF dran geblieben ist und den Journalisten-Stammtisch „Doppelpass“ verfolgte, dürfte sein Interesse, irgendwo eingeschnürt zwischen Anteilnahme, Fassungslosigkeit und Voyeurismus, kaum bereut haben. Das Talk-Thema: Was kann der Sport aus der Tragödie lernen? Über welche Themen im Fußball außer Depressionen wird noch geschwiegen: Homosexualität? Drogenmissbrauch? Müssen sich, sollten sich Leistungssportler outen? Vieles von dem, was Michael Steinbrecher am Vorabend im ZDF-„Sportstudio“ bei einer Diskussion mit Mirko Slomka hat liegen lassen, nahm die Runde um Jörg Wontorra auf. Schauspieler Michael Jäger („Marienhof“), erzählte, wie stark er 2004 unter Depressionen litt. Der dreifache Vater wäre beinahe von der Brücke gesprungen, hat monatelang in seinem TV-Job funktioniert und für sich behalten. Was offenbar genauso wenig bekannt war wie die jahrelange, schwere Erkrankung eines Menschen, der im Scheinwerferlicht stand wie der Schauspieler Michael Jäger – der Fußballstar Robert Enke.

Waren die Menschen vor dem Fernsehen auch schon so doof? hat mal ein Kulturkritiker gefragt. Mit einigen Talkrunden zum Tod von Robert Enke sind die Menschen in den letzten Tagen, wenn nicht schlauer, so doch zumindest einfühlsamer geworden.Markus Ehrenberg

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