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Mit Risiken und Nebenwirkungen: Kann man Gesundheitsportalen im Internet trauen?

Sonja Pohlmann
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Keine Wartezeiten.Foto: dpa

Bennie überlegt, ob er Schweinefleisch vom Speiseplan streichen soll und vor die Tür zu gehen, traut er sich auch kaum noch – aus Angst vor der Schweinegrippe. Doch statt sich bei seinem Hausarzt über mögliche Ansteckungswege zu informieren, fragt er lieber den „Netdoktor“ – eine Art virtueller Gott in Weiß. Dahinter steckt jedoch kein einzelner Mediziner, sondern ein Gesundheitsportal im Netz. Auf den Seiten wird von A wie Achillessehnenriss bis Z wie Zysten über rund 400 Krankheitsbilder informiert und Symptome beschrieben, in Foren tauschen sich Kranke und Gesunde wie Bennie aus – nur eines gibt es hier nicht: eine Diagnose mit anschließender Therapie.

Trotzdem nutzt bereits etwa jeder dritte Deutsche mindestens einmal pro Monat Gesundheitsportale wie Netdoktor.de, Gesundheitpro.de oder Vitanet.de – Tendenz steigend, heißt es bei Stiftung Warentest, die kürzlich zwölf Portale bewertete. Monatlich finden sich auf diesen Seiten knapp sechs Millionen Nutzer ein, allein bei Netdoktor.de täglich 45 000 Nutzer laut Google-Trends. Auch der Tagesspiegel wird im Herbst ein Gesundheitsportal starten.

Dass Cyber-Docs so großen Zuspruch erfahren, sieht Netdoktor.de-Chefredakteurin Ingrid Müller auch in der Entwicklung des Gesundheitssystems begründet: „Die Wartezimmer sind oft überfüllt, Ärzte haben immer weniger Zeit für lange Gespräche und die Patienten werden mehr als früher zur Kasse gebeten. Viele Menschen kümmern sich deshalb mehr um ihre eigene Gesundheit und informieren sich besser.“ Insbesondere Frauen gehören zu den Nutzern, da sie gesundheitsbewusster als Männer seien, sagt Harald Mandl, Chefredakteur von Gesundheitpro.de, das zum Verlag Wort und Bild („Apotheken-Umschau“) gehört.

Hier wie auch in der Redaktion von Netdoktor.de, das zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehört, arbeiten Mediziner und Naturwissenschaftler, die zusätzlich ausgebildete Journalisten sind. Die Texte sollen fachlich korrekt, vor allem aber für Laien verständlich sein. „Allerdings vergleichen wir keine Therapien miteinander, sondern informieren ganz sachlich, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt“, sagt Netdoktor.de-Chefredakteurin Müller. Das Portal finanziert sich über Dienstleistungen für Dritte wie Apotheker und Ärzte, und über Werbung. Anzeigen von Pharmafirmen seien immer deutlich gekennzeichnet und für Nutzer gut erkennbar, sagt Müller. Beim Verweis auf Medikamente würden mehrere Artikel genannt. Stiftung Warentest hatte kritisiert, dass inhaltliche Informationen und Werbung bei einigen Portalen nicht immer klar getrennt seien.

Da es in der Medizin ständig neue Forschungsergebnisse gibt, müssen die Portale die Texte permanent aktualisieren. Wenn jetzt wie bei der Schweinegrippe neue Krankheiten auftreten, erstellen viele der Portale dazu gleich ganze Dossiers – so aktuell Informationen abrufen zu können, ist für die Nutzer der Portale einer der Vorteile im Vergleich mit den oft verstaubt wirkenden Gesundheitsmagazinen von ARD und ZDF.

Ärzte sind jedoch nicht immer glücklich über gut informierte Patienten. „Manchmal kommen die Patienten rein und meinen, dem Arzt schon die fertige Diagnose für ihre Krankheit präsentieren zu können“, sagt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Kein neues Phänomen, schon früher mussten Ärzte oft „Morbus Mohl“ diagnostizieren – so hieß es, wenn ein Patient in die Praxis kam, der zuvor die von Hans Mohl moderierte Sendung „Gesundheitsmagazin Praxis“ im ZDF gesehen hatte und nun überzeugt war, unter der dort beschriebenen Krankheit zu leiden.

Heute werden Hypochonder auf den Gesundheitsportalen fündig, wo sie im Suchfenster Symptome wie beispielsweise Kopfschmerzen eingeben können und bei der Beschreibung der möglichen Ursache schnell beim Gehirntumor landen. „Aber wir haben den Anspruch, vollständige Informationen zu Krankheiten und ihren Symptomen zu bieten, deshalb müssen wir auch bei harmlosen Symptomen darauf hinweisen, dass dahinter eine ernsthafte Krankheit stecken könnte“, sagt Mandl. Er glaubt, dass die Ärzte von gut informierten Patienten profitieren: „Je mehr sich der Patient mit seiner Situation beschäftigt, desto engagierter wird er auch bei der ihm verschriebenen Therapie mitarbeiten.“

Nutzer sollten sich jedoch bewusst sein, dass Symptome nicht schablonenhaft auf alle Menschen zutreffen, sondern Krankheiten individuell verlaufen und die Vorgeschichte des Patienten berücksichtigt werden müsse, sagt Stahl. Deshalb wird bei den Gesundheitsportalen auch keine Diagnose mit Behandlungsempfehlung für die Nutzer gegeben. „Die Gesundheitsportale können den Arztbesuch immer nur ergänzen“, sagt Stahl.

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