Doku : Die große Verhedderung

„Diese Leute, da fehlte kein Knopf. Kein Haar saß falsch.“ Arte zeigt das deutsch besetzte Frankreich in neuer Sicht.

Hendrik Feindt
Soldat im Salon. Amateuraufnahmen zeigen das besetzte Frankreich. Foto: Arte
Soldat im Salon. Amateuraufnahmen zeigen das besetzte Frankreich. Foto: ArteFoto: © Collection Rudolf Bšlts

Krieg beruht auf Mitteln der Eroberung, Besatzung auf Instrumenten des Machterhalts, seien diese verwaltungspolitisch, polizeilich oder psychologisch. Ein Musterbeispiel sind die vier Jahre deutscher Besatzung in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, von 1940 bis 1944. Authentische Einblicke in den Alltag dieser Zeit sind selten. Der Historiker Simon de Sampigny hat sie zu einer zweiteiligen Arte-Dokumentation zusammengetragen.

Seine Recherchen erweisen sich als überaus ergiebig. Denn de Sampigny verzichtet darauf, jene Ausschnitte aus den historischen Wochenschauen zu rekapitulieren, die mittlerweile zu den Versatzstücken nicht weniger Geschichtsfilme geworden sind. Nein, das Material dieses Dokumentaristen sind ausnahmslos eine Reihe von Amateurfilmen. Gedreht wurden sie einerseits von deutschen Soldaten im besetzten Frankreich, andererseits von Franzosen, die nicht in Gefangenschaft waren, sowie von jenen, die damals untertauchten: Den kurzen Streifen über die heimliche Geburt eines jüdischen Kindes und die nachfolgende fiktive Eintragung auf dem Standesamt hätte man gern in Gänze gesehen. Darüber hinaus konnte de Sampigny eine große Anzahl von Zeitzeugen ausfindig machen, in deren Händen sich die kleinen Kameras befanden oder die vor ihren Linsen gewesen waren. Die Interviews, die er mit ihnen führte, bilden die zweite Säule seines Films.

Es sind zunächst Stimmen all jener, die von den Deutschen nach ihrem Einmarsch beeindruckt waren: „Diese Leute, da fehlte kein Knopf. Kein Haar saß falsch.“ Es seien so gar nicht die Unholde und Barbaren gewesen, die man nach den Erzählungen vom Ersten Weltkrieg erwartet hatte. Doch der Schein trügt, behauptet de Sampigny. Die Höflichkeit der ersten zwei Jahre habe dazu gedient, die Infiltration geschmeidiger und die französische Bevölkerung zu Mitarbeitern an der deutschen Sache zu machen. War die Besatzung also eine Zeit der Kollaboration oder war sie doch eine des Widerstands?

Die Demarkationslinien verlaufen hier ziemlich eindeutig. In den ersten zwei Jahrzehnten nach Kriegsende dominierten die Schilderungen heroischer Aktivitäten der Résistance: Immer sei ganz Frankreich ein einmütiges Kollektiv von Partisanen und Aufständischen gewesen. Mit Marcel Ophuls, seit 1968, hatte sich dieses Bild dann gründlich gewendet: Ophuls’ Filme machten schockierend deutlich, wie erfolgreich die verbrecherische Politik der Deutschen gewesen war. Vor allem die Verfolgung, Ermordung und Deportation jüdischer Bevölkerungsteile war auf ein breites Spektrum französischer Mittäterschaft angewiesen.Nunmehr aber scheint sich eine neue Sichtweise Raum zu verschaffen: Von „zwei Minderheiten“ spricht de Sampigny, von den „wenigen“ Kollaborateuren und von den „wenigen“, die sich in der Résistance engagierten. „Zwischen diesen verhedderten sich die meisten.“

Frankreich und die deutsche Besatzungszeit“, 20 Uhr 15, Arte

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