Medien : Doku-Drama: Geiler als Denver-Clan

Robert Ide

Live-Übertragungen aus dem Krankenhaus, Hochglanz-Reportagen aus dem Dschungel, wahre Familiengeschichten im Spielfilmformat - so sieht die Zukunft des deutschen Fernsehens aus. Mit einer Rückkehr zum Dokumentarfilm und einer Mischung aus Bildungsfernsehen und Schauspiel wollen die Sender neue Quotensiege erringen. Der neue Trend war am Donnerstag Hauptthema auf der internationalen Film- und Fernsehkonferenz Babelsberg 2000. Die Produzenten und TV-Macher stellten fest: Es gibt ein Fernsehen nach "Big Brother". Ein Fernsehen, das von authentischen Geschichten leben soll und die Zuschauer emotional in den Bann ziehen will.

"Wir kehren zurück zu einfachen Konzepten", erklärte der Vize-Programmchef von Sat 1, Martin Hoffmann. Der momentane Boom der Quizshows zeige, dass sich viele Zuschauer nach klassischen Formaten sehnten. Gleichzeitig steige das Bedürfnis, Formate mit "wahren Hintergründen und echten Personen" zu sehen, Fernsehen mitten im Leben. Zunächst wirkt dieses Format wie ein Spagat. Doch die Sendestrategen wollen nun beide Genres, Fiction und Non-Fiction, verbinden. Als Beispiele nannte Hoffmann Doku-Soaps wie "Fahrschule".

Die Konferenz machte deutlich, warum Dokus und Doku-Soaps an Raum gewinnen. Fernsehereignisse mit realem Hintergrund befriedigen das Publikum, das an Wissenszuwachs interessiert ist, aber auch Zuschauer, die emotionale Geschichten erwarten. Der amerikanische Produzent Peter Hamilton nannte als Beispiel die Doku-Soap "Tierklinik", die mit großem Erfolg auf BBC läuft. In einer Folge ist ein Hund zu sehen, der von einem Mann beim Tierarzt operiert wird. Die Kamera hält voll drauf. Gerade einmal 600 000 Mark kostet die Herstellung einer solchen Reihe. Kein Wunder, dass in den USA solche Shows längst Alltag sind. Familien, die ein Kind erwarten, bekommen eine Videokamera, um ihre Vorbereitungen auf den Nachwuchs festzuhalten. Im Kreißsaal sind sie ebenfalls live dabei.

Doch in den USA flammen bereits Debatten um das neue Genre auf. Eine TV-Reihe, in der Geständnisse von Mördern auf Videokameras festgehalten werden, hat Proteste hervorgerufen. In Deutschland wäre ein Sturm der Entrüstung vorprogrammiert. Hamilton weiß das. Deshalb wirbt Hamilton auch für hochwertige Produktionen. "Die Verbraucher sind bereit, für Wissen zu bezahlen", berichtete er. Deshalb seien Qualitäts-Reportagen wieder gefragt. Stolz präsentierte Hamilton eine Dokumentation über Tiere in Australien. Die Reihe "The Life of Birds", die seltene Vogelarten in abgelegenen Erdteilen aufspürt, kostete 1,2 Millionen Mark. Doch drei Viertel der Ausgaben konnten durch Exporte, E-Commerce und die Verwertung für andere Serien wieder eingespielt werden.

Die deutschen Sender haben die Botschaft aus Übersee sehr wohl vernommen. Nach den Erfolg des Doku-Dramas "Todesspiel" über die RAF werden bereits neue Doku-Dramen konzipiert. Sat 1 plant die Verfilmung des Lebens von Walter Sedlmayr oder der Oetker-Entführung. Leuchtendes Beispiel ist das Mega-Projekt "Die Manns", mit dem die Geschichte der deutschen Dichterfamilie verfilmt wird. 21 Millionen stehen Regisseur Heinrich Breloer für den ARD-Dreiteiler zur Verfügung. Bildung und Unterhaltung sollen hier zu einem Fernseh-Event verschmolzen werden. "Das ist geiler als der Denver-Clan", rief Produzent Horst Königstein aus. Widersprechen wollte niemand.

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