Doku : Er ist kein Star – Holt ihn da raus

Misslungene Suche nach einer Antwort: Reporter Christoph Lütgert inszeniert sich in der ARD-Dokumentation über den Finanzdienstleister AWD

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Jäger und Gejagter. Christoph Lütgert (rechts) stellt Carsten Maschmeyer (links) – der aber verweigert sich. Screenshot: Tsp
Jäger und Gejagter. Christoph Lütgert (rechts) stellt Carsten Maschmeyer (links) – der aber verweigert sich. Screenshot: Tsp

Die Geschichte klingt spannend, wie gemacht für eine investigative Reportage. Es geht um betrügerische Machenschaften, um Reiche, Schöne und viel Einfluss bis in höchste politische Kreise, um geprellte Rentner, die vor den Scherben ihrer Altersvorsorge stehen. Eine Aufgabe, klar, perfekt für Christoph Lütgert. Also zieht der Ex-Chefreporter des NDR los, um den skrupellosen „Drückerkönig“ Carsten Maschmeyer, Gründer des Finanzvertriebs AWD, zur Rede zu stellen. Doch genau daran kranken die 28 Minuten für 3,86 Millionen Zuschauer. Lütgert scheint an Antworten gar nicht interessiert, wenn er „dem Maschmeyer“ das Mikro vors Gesicht hält und ihn mit Beleidigungen zum Reden bringen will. Interessiert ist er offenbar nur an seiner eigenen Wirkung – wenn er nach Gesprächen mit weinenden „Opfern“ vor Maschmeyers Villa steht und sich empört, nicht hineingebeten zu werden. O-Ton Lütgert: „Da werden Hunderte, oder Tausende vielleicht, Menschen ins Unglück gestürzt, und dann sagt mir seine Mitarbeiterin, Herr Maschmeyer gibt keinen Kommentar mehr ab.“ Der selbsternannte Staatsanwalt schüttelt schockiert den Kopf: „Das ist ein Zynismus.“

Die Kamera zoomt auf seine Augen, ganz nah: Lütgert versteht die Welt nicht mehr. Auch sonst sieht der Zuschauer immer wieder sein Gesicht, sekundenlang, wie er Akten studiert, recherchiert. Was für eine Rolle spielt das für die Geschichte? Und was will er eigentlich erreichen? Dass der mit seinen zumindest anrüchigen Geschäften reich gewordene Maschmeyer vor laufender Kamera um Verzeihung bittet?

Die Frage, die Lütgert umtrieb, war ja berechtigt: Wie konnte ein Schnauzbart tragender Vertretertyp mit weißen Tennissocken und Slippern für gestandene Politiker wie Gerhard Schröder (SPD) oder Christian Wulff (CDU) „ein Freund“ werden? Doch Lütgerts inszeniertes Unverständnis ist so beherrschend, dass die Suche nach der Antwort misslingt. Schade, die Story war gut. Juliane Schäuble

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