Doku : Im Märchenland

Politik als absurdes Theater: Ein Film über das größte Tourismusprojekt Europas - im abgelegenen Nordhessen

Thomas Gehringer

 „Willkommen in einem Märchen“, haben die PR-Strategen mehrdeutig getextet, denn Schloss Beberbeck liegt an der deutschen Märchenstraße. Ganz in der Nähe kann man die Sababurg besichtigen, im dem angeblich einst Dornröschen auf den erlösenden Kuss wartete. Aber was hier im verschlafenen Nordhessen ganz ernsthaft geplant wird, klingt noch märchenhafter: Rund um das Schloss Beberbeck sollen auf 800 Hektar Land fünf Golfplätze, ein Reitsportzentrum mit Poloplatz und Trabrennbahn, ein künstlicher See, fünf Hotels und neun Feriendörfer mit einer Gesamtkapazität von über 5000 Betten entstehen. Und das „in perfekter Lage im Herzen von Deutschland“, womit gemeint ist, dass kein Ballungsraum in der Nähe, sondern mehrere nur gleich weit entfernt sind. Treibende Kraft im Dienste des „größten Tourismusprojekts Europas“ ist Henner Sattler (CDU). Der Bürgermeister der 16.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Hofgeismar will nun mitten in der Finanzkrise Investoren auftreiben, die insgesamt schlappe 420 Millionen Euro zahlen. 

 Klaus Stern, der für die Langzeit-Doku über Aufstieg und Fall des New-Economy-Unternehmers Tan Siekmann („Weltmarktführer“) vor drei Jahren den Adolf-Grimme-Preis erhalten hatte, heftete sich zweieinhalb Jahre an Sattlers Fersen. Sein Film „Henners Traum“ ist ein seltener Glücksfall: So dicht, so intensiv lässt uns Stern hinter die Kulissen von Politik und Wirtschaft blicken wie es bisher kaum ein Dokumentarfilmer vermochte. Doch in den Hinterzimmern lauert weniger ein Skandal als absurdes Theater. Klaus Stern verzichtet auf einen eigenen Kommentar, beschränkt sich allein auf konkrete und genaue Beobachtung. Er habe „embedded“ gearbeitet, sagt er augenzwinkernd.

Unermüdlich legt sich Henner Sattler ins Zeug, um am ganz großen Rad mitzudrehen. Er diskutiert, verhandelt, ärgert sich über Landesbürokraten und legt sich auch mal mit dem vermeintlich befreundeten, eitlen Architekten an, führt Ministerpräsident Ronald Koch und die Manager von Baukonzernen durchs Gelände, wird von Dietmar Hopps Finanzberater höflich abgefertigt, reist zur Tourismusmesse nach Berlin, wo er beim Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate auf Englisch ebenso tapfer wie vergeblich vorspricht wie bei den potenziellen Investoren auf der Münchner Expo Real. Nicht jede Szene ist vorteilhaft, doch im schlimmsten Fall ist Henner Sattler jemand, der sich überschätzt.

Seine Ausdauer und seine Unerschütterlichkeit, mit der er alle Rückschläge wegsteckt, sind auch bewundernswert. Bis heute konnte er keine Investoren benennen, aber das Projekt ist keineswegs beerdigt. Man fragt sich allerdings: Wo ist eigentlich die Opposition? Anfangs habe es keine gegeben, behauptet Klaus Stern. Henner Sattler erhielt bei der letzten Bürgermeisterwahl 70 Prozent der Stimmen. Da wollte eine ganze Region wachgeküsst werden.

Klaus Stern betont, er mache keine Filme „für oder gegen was“. Er schätze Henner Sattler sehr, finde ihn sympathisch. Das beruht nun offenbar nicht mehr auf Gegenseitigkeit, Sattler, der die Dreharbeiten gestattet hatte, spreche seit einem Jahr nicht mehr mit ihm. „Henners Traum“ wurde im November 2008 in Kassel uraufgeführt, lief ab März 2009 vor 10 000 Zuschauern in einigen Kinos, erhielt mittlerweile den Hessischen Filmpreis und ist in der Kategorie Beste Regie für den Deutschen Filmpreis nominiert. Am Montag hat er Fernsehpremiere, zum Auftakt der Dokumentarfilmreihe „100% Leben“ des Kleinen Fernsehspiels. Sie besteht diesmal aus sieben Langzeitbeobachtungen und handelt von weiteren Träumen wie dem des Kameruners Ben, der in Berlin zum Box-Weltmeister reifen will („Rich Brother“, 23. November). Alle diese Nachwuchs-Filme dürfen ohne die formalen Vorgaben des Primetime-Fernsehens auskommen. Der Preis: Sie werden erst nach 0 Uhr gezeigt. Thomas Gehringer

„Henners Traum“,Montag, ZDF, 0 Uhr 20

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