Doku : Juden als Austauschware

Wie jüdische Unterhändler versuchten, Leben zu retten: Die Dokumentation „Hitlers Menschenhändler“ auf Arte bewegt – und empört.

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Zielort: KZ Bergen-Belsen Holländischer Judenstern auf der Transportliste des Durchgangslagers Westerbork. Foto: NDR/Agenda Media
Zielort: KZ Bergen-Belsen Holländischer Judenstern auf der Transportliste des Durchgangslagers Westerbork. Foto: NDR/Agenda MediaFoto: © NDR/Agenda Media

Es gibt zwei wesentliche Gründe, die diese Dokumentation über den Tag hinaus, an dem sie auf Arte gesendet wird, zu einem zeitlosen und dadurch notwendigen Anschauungsobjekt fürs Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland machen. Erstens das derart noch nie erzählte dunkle Kapitel aus dem an furchtbaren Kapiteln ja bei Gott reichen deutschen Buch der finsteren Historie zwischen 1933 und 1945. Und zweitens die mit jeder Sequenz, mit jedem Bild, mit jeder Aussage aufsteigende Lust auf Vergeltung, womit zumindest erfüllt wäre, die ungeschriebene moralische Staatsraison der Republik, niemals zu vergessen, auf dass es nie wieder passiere.

Hass, Zorn, Rache sind selbstverständlich keine Begriffe, die in eine Fernsehkritik gehören. Der während dieser 52-minütigen Geschichtsstunde über „Hitlers Menschenhändler – Juden als Austauschware“ wieder mal aufsteigende Zorn darüber, dass zu viele Mörder in Uniform und bürgerliche Schreibtischtäter nach der Befreiung ungestraft davonkamen, ist diesseits von Hass und Rachelust aber aller Ehren wert. Ohne eine moralische Grundhaltung der Autoren wäre der Film undenkbar, und deshalb verlangt er diese Haltung auch vom Betrachter.

Denn es geht es um die verzweifelten Versuche von jüdischen Unterhändlern zum Beispiel im besetzten Ungarn, im besetzten Holland, mit einer Schar von Teufeln, die abwechselnd die Uniform der Wehrmacht und der SS (oder auch gar keine) trugen, um den aufgrund ihrer Religion schuldlos Inhaftierten das Totenreich der Konzentrationslager zu ersparen und ihr Leben zu retten. Bis kurz vor Kriegsende wurde dabei wie auf einem Viehmarkt versucht, Juden gegen internierte „ Reichsdeutsche“, Waffen oder Bargeld zu versteigern. Stets von den regierenden Staatsverbrechern mit der Drohung verbunden, im Falle eines Scheiterns warten die Öfen in Auschwitz. Man weiß es spätestens seit dem Prozess gegen Adolf Eichmann und den Aussagen des Joel Brand, einer seiner damaligen Verhandlungspartner.

Die Autoren Caroline Schmidt, Thomas Ammann und Stefan Aust haben die richtige Entscheidung getroffen, um Unfassbares anders erfassbar zu machen. Sie lassen Überlebende erzählen, damals Kinder, denen dabei oft in der Erinnerung an die damals real existierende Hölle auf Erden die Stimme bricht. Immer dann geben die Journalisten stummen bewegten Bildern aus der Zeit, der ihre Kronzeugen entronnen sind, das Wort. Sie entlarven parallel die herrschende Moral der Herrschenden durch deren Originalzitate, verzichten bewusst auf die gängige Masche, Historie als „Soap-Opera“ mittels nachgestellter Szenen, massentauglich zu verkaufen. Die Masse übrigens, siehe beispielhaft „Aghet – Ein Völkermord“ oder „Die Quandts“, ist längst nicht so blöde, wie zu viele TV-Verantwortliche als Entschuldigung für ihre eigene Feigheit, schwere Stoffe am liebsten erst kurz vor Mitternacht zu senden, glauben machen wollen. Nicht nur Zote und Tote machen Quote, auch Qualität schafft das.

Die trägt den Film. Bilder des Schreckens und Interviews mit den fürs Leben gezeichneten Überlebenden sind stärker als jede noch so das Wesen des Bösen treffende Analyse. Der Historiker Peter Longerich, Verfasser von sprachgewaltigen klugen Biografien über Heinrich Himmler und Joseph Goebbels, wirkt deshalb hier wie ein Fremdkörper.

Was einst Ralph Giordano die „zweite deutsche Schuld“ nannte, die systematische Verdrängung der eigentlichen, der ersten, der des Todsündenfalls Krieg und Völkermord, muss schließlich nicht mehr erklärt werden. Die Aussagen des zeitlebens angesehenen Bremer Kaufmanns - einst aktiv auf der Seite der Schreibtischtäter, der nach 1945 nie zur Verantwortung gezogen wurde und bis zu seinem Tod als Stütze der Gesellschaft galt -, dass er in Wahrheit Juden geholfen habe, sind typisch für die Generation von Hitlers gutbürgerlichen Helfern. Der Gedanke, dass sie sich alle in der Hölle aufhalten, wäre zwar tröstlich. Aber wohl doch nicht von dieser oder der anderen Welt.

„Hitlers Menschenhändler“, am Mittwoch, 14.9., 21 Uhr 05, Arte.

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