Doku : Revolutionärer Osten

Eine Arte-Reihe erzählt vom Ende kommunistischer Machthaber.

Thomas Gehringer

Ein Muttermal auf der Stirn des neuen Generalsekretärs, das durfte nicht sein. Also beschloss man bei der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, dem Volk Michail Gorbatschows Kopf auf den eigenen Fotografien unbefleckt zu präsentieren. Das Mal wurde einfach wegretuschiert. Damit hatte man in der Sowjetunion, wo in Ungnade gefallene Genossen von Bildern gleich komplett verschwanden oder altersschwache Parteiführer ein wenig aufgefrischt wurden, ohnehin Übung. Doch beim (anfangs) populären Gorbatschow, der häufig im Fernsehen – mit Muttermal – zu sehen war, habe das Manipulieren keinen Sinn mehr gemacht, erinnert sich der ehemalige Tass-Fotograf Alexander Tschumitschow. Gorbatschow selbst habe die Tass angewiesen, mit dem Retuschieren aufzuhören. Auch sonst schickte sich der letzte Lenker der Sowjetunion an, die Wirklichkeit ungeschönt zur Kenntnis zu nehmen. Der Versuch, das kommunistische Riesenreich zu reformieren, schlug allerdings fehl. Im Dezember 1991 war die Sowjetunion Vergangenheit.

60 Jahre Grundgesetz, 20 Jahre Mauerfall: Es gibt 2009 allerhand politisches Jubiläumsprogramm, das jedoch Gefahr läuft, die Geschichte ein wenig auf den deutschen Blickwinkel zu verengen. Aber für eine etwas umfassendere Betrachtung gibt es ja im öffentlich-rechtlichen Riesenreich einen Sender wie Arte, der sich zum Beispiel in der fünfteiligen Reihe „Als der Ostblock Geschichte wurde“ auf die Umwälzungen in anderen Ländern konzentriert. Neben der Sowjetunion („Der Fotograf der Perestroika“, Mittwoch, 21 Uhr) steht Polen („Henrykas Solidarität“, 21 Uhr 55) und der Kampf der 1980 gegründeten Gewerkschaft Solidarnosc im Mittelpunkt. Ungarn („Der Grenzer am Eisernen Vorhang“, 13. Mai, 21 Uhr), Rumänien („Der Ankläger Ceausescus“, 13. Mai, 21 Uhr 50) und Litauen („Das Mädchen und die Panzer“, 20. Mai, 21 Uhr 50) komplettieren die Reihe.

Wie es im Vorspann heißt, handeln die Filme von „einfachen Frauen und Männern“, die zu „Helden“ geworden seien und das Unmögliche wahr gemacht hätten. Das trifft mal mehr, mal weniger zu, am meisten noch auf die Beiträge über Polen und Ungarn. Mit der Straßenbahnfahrerin Henryka Krzywonos, die sich bei den ersten Streiks in Danzig wohl auch aufgrund ihres Temperaments zur Wortführerin aufschwang, wird eine weniger bekannte Figur der polnischen Opposition porträtiert. Es handelt sich um die berührende Biografie einer Arbeiterin, aber der Film leidet etwas unter allzu langen Interviewpassagen.

Weniger „talking heads“, aber auch weniger politische Hintergründe über die Lage in Ungarn Ende der achtziger Jahre transportiert der Beitrag über Arpad Bella, den verantwortlichen Grenzsoldaten, der während des „Paneuropäischen Picknicks“ am 19. August 1989 auf Waffengewalt verzichtet und Hunderten von DDR-Bürgern die Flucht ermöglicht hatte. Obwohl Ungarn als erstes Ostblockland die Grenze drei Wochen später öffnete, wurde Bella in der Armee angefeindet. Den herausragenden Beitrag der Reihe liefert Sylvia Nagel mit ihrem Film über die blutigen Aufstände in Rumänien und den Schnellprozess gegen Diktator Ceausescu und seine Frau – eine brutale Inszenierung, mit der offenbar ehemalige Ceausescu-Getreue Leben und Amt retten wollten. Nagel erzählt sowohl von den Machtkämpfen hinter den Kulissen als auch von der Gewalt, unter der viele Familien während der Revolution litten, die über 1000 Todesopfer gekostet hatte. Der im Titel erwähnte „Ankläger Ceausescus“, Staatsanwalt Dan Voinea, ist nur eine Randfigur und passt ebenso wenig ins Reihenmuster vom „heldenhaften einfachen Mann“ wie Tass-Fotograf Tschumitschow in der Auftaktfolge, die dafür einen soliden Überblick über die Gorbatschow-Ära in der Sowjetunion bietet.

Was fehlt? Ein Beitrag über einen weiteren wichtigen Nachbarn Deutschlands: die nach 1989 in zwei Länder zerfallene Tschechoslowakei.

„Als der Ostblock Geschichte wurde“, Mittwoch, Arte, 21 Uhr

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