Doku : Strippen fürs Studium

Zwischen Pöbelei und Poesie – das ZDF-Magazin „37 Grad“ macht einen Ausflug ins Rotlicht-Milieu.

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Nach dem Abi. Kyra wartet an der Bar auf Herrenbesuch. Foto: ZDF
Nach dem Abi. Kyra wartet an der Bar auf Herrenbesuch. Foto: ZDF

Es ist eine reine Vermutung, und wenn sie falsch sein sollte, erfüllt sie mindestens den Tatbestand der böswilligen Unterstellung. Aber gänzlich unplausibel ist es sicher nicht, wenn man behauptet: Im typischen ZDF-Haushalt belegen Erstes, Zweites und Drittes Programm die ersten drei Kanäle, während RTL 2 im zweistelligen Bereich auftaucht. Zufallseinschalter von „37 Grad“ werden heute Abend möglicherweise überprüfen, ob sie sich auf der Fernbedienung vertippt haben, wenn Heidi, Cleo und Kyra von ihren Erlebnissen erzählen. Die Damen verdienen ihren Lebensunterhalt mit Sex. So ein Thema ist typischer Stoff für das RTL-2-Magazin „exklusiv“. Dass das ZDF diese Ausgabe erst um 23 Uhr ausstrahlt, passt zwar ins Bild, ist aber wohl dem vorausgehenden Länderspiel geschuldet. Wer auf öffentlich-rechtliche, quasi moralisch sanktionierte Erotik hofft, muss bis zum Schluss der Reportage warten, wenn sich zwei Damen weitgehend unbekleidet vor der Kamera eines Sex-TV-Senders räkeln.

Befriedigend sind die Darbietungen nicht. In wohlgesetzten Worten berichten die drei Frauen, warum sie ihr Gewerbe vermeintlich ehrbareren Berufen vorgezogen haben: Cleo und Kyra, beide nicht mehr ganz jung, sind Prostituierte, die sich ihre Liebesdienste teuer bezahlen lassen. Germanistikstudentin Heidi finanziert als Stripperin in St. Pauli ihr Studium und die Existenz ihres Freundes, eines Tontechnikers. Die Arbeitsbedingungen der älteren Frauen dürften kaum diesem Prostitutionsalltag entsprechen. Gerade Cleo bewegt sich eher im Luxussegment, auch Kyra kann es sich offenbar leisten, wählerisch zu sein. Heidi hat ohnehin eine gesunde Distanz zu ihrem Job. Sie will ihre Erlebnisse später in einem Buch verarbeiten, weshalb es mitunter klingt, als diene ihre Auszieherei in erster Linie Recherchezwecken. Paradoxerweise verhindert gerade die Intelligenz der Frauen, dass man ihnen nahekommt. Studentin Heidi sagt, sie wolle ihre Seele nicht verkaufen. Vermutlich haben die drei großes Vertrauen zu Autorin Susanne Brand gefasst. Die Kamera darf sie nur anschauen, in sich hineinschauen lassen sie nicht. Die Reportage wirkt zwar nicht so effekthascherisch wie RTL-2-Beiträge, tiefgründiger ist der ZDF-Film aber auch nicht.

Heidi hat neben ihre Steißtätowierung die Wörter „Poesie“ und „Pöbelei“ stechen lassen. Sie stehen für ihr Leben: tagsüber sitt- und strebsam, nachts Blicken und Sprüchen ausgesetzt. Das Tattoo deutet auch das Dilemma des Films an: Auf Pöbelei wollte oder durfte Brand sich nicht einlassen, für Poesie ist im Gewerbe kein Platz. Tilmann P. Gangloff

„37 Grad: Ich mach’ mein Geld mit Sex! Mit Abi zum Erotik-Job“, ZDF,

23 Uhr

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