Doku : Tauben vergiften im Park

Eine Arte-Hommage erinnert an Georg Kreisler. Sein bekanntestes Lied über den Frühlings-Feldzug eines Liebespaares durfte eine Weile nicht gespielt werden.

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Die Welt des Georg Kreisler ist voll von sonderbaren Figuren. Da ist zum Beispiel der Servierer, der von blutrünstigen Träumen heimgesucht wird. „Ich bringe dem Herrn Staatsanwalt / Sein Erdbeereis mit Früchten. / Und wenn dann dieser Nimmersatt / Im Schlund mein Messer hat / Und mit der Nase in den Früchten ruht / Dann geht’s mir gut.“ Oder dieses Frühlingslied: „Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau / Geh’n wir Tauben vergiften im Park.“ Leichte, fröhliche Melodien tragen die Texte über alle Abgründe hinweg, was Kreislers Kunst erst recht böse – und einzigartig – erscheinen lässt.

Dass Kreisler ein „lustiger Künstler“ gewesen sei, bezeichnet die Wiener Schriftstellerin Eva Menasse als ein Missverständnis. Seine Lieder erzählten davon, „dass es eigentlich ganz furchtbar ist auf der Welt“, sagt sie in der Arte-Doku „Georg Kreisler gibt es gar nicht“, eine Anspielung auf ein Zitat des Kritikers Hans Weigel. Was die Hommage von Dominik Wessely für den 2001 verstorbenen Kreisler bemerkenswert macht, sind die Filme, mit denen 15 junge Regisseure 15 Lieder Kreislers inszeniert haben. Komplett sind sie im Internet (arte.tv/de/stolpersteine/7316234.html) zu finden, in der Doku sind Ausschnitte zu sehen.

Kreislers bekanntestes Lied über den Frühlings-Feldzug eines Liebespaares durfte Ende der 50er Jahre eine Weile nicht im österreichischen Rundfunk gespielt werden. Zu anspielungsreich erschien die Sache mit dem Vergiften, knapp 15 Jahre nach dem Holocaust. 1955 war der Jude Kreisler, der 1938 mit 16 Jahren aus Wien in die USA fliehen musste, zurückgekehrt. In seinem Lied „Weg zur Arbeit“ begegnet er all den zu Demokraten gewendeten SS-Schergen, „Heil Hitler“-Brüllern und Bücherverbrennern – ungemütliche Wahrheiten in gemütlicher Tonlage.Thomas Gehringer

„Georg Kreisler gibt es gar nicht“; Arte, 22 Uhr 10

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