Doku über Frauenfeindlichkeit : In Extremen gefangen

Der Arte-Film „Die Herrschaft der Männer“ kommt dem Thema Frauenfeindlichkeit nicht wirklich nahe.

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Die Geschlechterrollen werden unter anderem durch Spielzeug definiert. Foto: Arte
Die Geschlechterrollen werden unter anderem durch Spielzeug definiert. Foto: Arte

Am 6. Dezember 1986 betritt ein junger Mann in der Polytechnischen Hochschule in Montreal einen Hörsaal. Den männlichen Studenten sagt er, dass sie verschwinden sollen. Auf die Frauen schießt er, mordet anschließend auf den Korridoren weiter; insgesamt bringt er 14 Frauen um. Er kämpfe gegen den Feminismus, sagt er und begeht dann später Selbstmord.

In seinem Dokumentarfilm „Die Herrschaft der Männer“, den Arte heute Abend zeigt, spricht Patric Jean mit einem Vater, der seine Tochter durch Marc Lépines Tat verlor. Er interviewt auch eine Frau, die auf Lépines Todesliste von „radikalen Feministinnen“ stand und nur durch einen glücklichen Zufall überlebte. Überhaupt nimmt der Filmemacher den Amoklauf zum Anlass, um sich mit Frauenfeindlichkeit zu befassen. Herausgekommen ist ein über weite Strecken verstörender Film, doch leider verfehlt Jean sein vordringliches Ziel: Anstatt zu zeigen, wie omnipräsent Gewalt gegen das weibliche Geschlecht ist, vermittelt sein Film das Gefühl, dass Ressentiments gegen Frauen das Problem einiger weniger Fanatiker sind.

Das liegt daran, dass sich Jean in seinem assoziativ montierten Film auf die Extremfälle konzentriert. Da klagen Männer darüber, dass Feminismus ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei und Ähnlichkeiten mit dem Faschismus habe. Da sprechen Frauen im Krankenhaus über die körperlichen Verletzungen, die ihnen von ihren Ehemännern beigebracht wurden. Eine von ihnen schließt sich mit ihren Kindern regelmäßig im Keller ein, um den Attacken zu entkommen, eine andere mit Babybauch lächelt immer noch ungläubig bis entschuldigend, als sie von den Schlägen ihres Freundes erzählt. Er haue ja nicht so fest zu, habe er immer gesagt.

Es sind erschreckende Geschichten, die der Zuschauer zu sehen und hören bekommt – doch leider machen sie es ihm leicht, sich vom Thema Frauenfeindlichkeit zu distanzieren. Der Alltag der meisten Frauen ist glücklicherweise nicht von den Taten eines Lépine oder sonstiger roher Gewalt bestimmt, dafür aber von subtileren Zwängen und Rollenzuschreibungen. Frauen haben diese teilweise so sehr verinnerlicht, dass sie ihre Existenz schlichtweg negieren. Wie sonst, wenn nicht durch Leugnung, ist es möglich, dass Frauen behaupten, der Feminismus habe sich überlebt, um dann in dem Moment, in dem sie Kinder bekommen, in sämtliche Geschlechtsrollenstereotypen zurückzufallen? Eine Interviewpartnerin Patric Jeans gibt hier den entscheidenden Hinweis. Inzwischen, sagt die alt gewordene Feministin, herrsche die „Illusion der Gleichstellung“ und Frauen würden sich leider vorgaukeln, alles erreicht zu haben.

In einigen wenigen Szenen gelingt es Patric Jean diese Illusion zu widerlegen und die Allgegenwärtigkeit von Diskriminierung zu zeigen. Das sind die stärksten filmischen Momente, denn in ihnen wird nicht in die Kamera hineingeredet, argumentiert und diskutiert, sondern hier lässt Filmemacher Jean die Bilder des Alltags sprechen: In einer Kantine decken Frauen die Tische, beaufsichtigt werden sie dabei von einem Mann, Politiker beugen sich über Mikrofone, die ihnen von Frauen hingehalten werden, und vor allem die letzte Szene des Films bleibt noch lange im Gedächtnis. Eine Automesse, neben jedem schnittigen Sportwagen steht eine mindestens ebenso schnittige Hostess, und man weiß gar nicht, für welches der beiden Objekte – Frau oder Auto – sich die anwesenden Männer mehr interessieren. Verena Friederike Hasel

„Die Herrschaft der Männer“, Arte, 20 Uhr 15

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