Doku : Weltreise in Öl

Stefan Aust und Claus Richter liefern eine etwas einseitige Bestandsaufnahme des fossilen Zeitalters.

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So viele Industrieanlagen in einem Film hat der ZDF-Zuschauer noch nie gesehen. In ihrer Reise um die Welt führen die Autoren nach Angola, Argentinien, Aserbaidschan, China, Kanada, Russland (Foto), Saudi-Arabien und die USA sowie nach „Klein-Texas“. Foto: ZDF
So viele Industrieanlagen in einem Film hat der ZDF-Zuschauer noch nie gesehen. In ihrer Reise um die Welt führen die Autoren nach...

Die gute Nachricht lautet: Die Lichter bleiben an. Die schlechte: Das könnte auf die Dauer teuer werden. Immerhin ist noch Öl da, zum Beispiel in Wietze in der Lüneburger Heide, genannt „Klein-Texas“. 1914 wurden dort 100 000 Tonnen gefördert, das reichte für ganz Deutschland. Bis 1963 lieferte Wietze das Schmiermittel des Industriezeitalters, eine Million Tonnen Öl liegt noch in der Erde. Das Verfahren, um es herauszuholen, war zu kostspielig geworden. „Es ist eine Frage des Preises, wie viel Öl die Welt noch hat“, kommentieren die Autoren Claus Richter und Stefan Aust treffend und einprägsam in „Das Blut der Welt“, ihrem zweiteiligen Beitrag zum ZDF-Schwerpunkt „Burnout – Der erschöpfte Planet“.

Ob es wirklich eine gute Nachricht ist, dass die Bedeutung der fossilen Brennstoffe nach dem absehbaren Ende der Kernenergie in Deutschland und anderswo wieder zugenommen hat, ist natürlich fraglich. Nicht umstritten ist, dass es ohne Öl und Gas bis auf Weiteres nicht geht – wie optimistisch man auch die Zukunft erneuerbarer Energiequellen malt. Richter und Aust, die bereits für mehrere ZDF-Filme zusammengearbeitet haben, liefern eine Bestandsaufnahme, faktenreich und detailliert, allerdings auch etwas einseitig und – vor allem im zweiten Teil – technologielastig.

So viele Industrieanlagen in einem Film hat der ZDF-Zuschauer wohl noch nie gesehen. Mit immer aufwendigeren Verfahren muss vor allem das Öl gewonnen werden. In ihrer informativen und anschaulichen Reise um die Welt führen die Autoren ihr Publikum nach Angola, Argentinien, Aserbaidschan, China, Kanada, Russland, Saudi-Arabien und die USA sowie nach „Klein-Texas“ und zur Ölförderanlage Mittelplate an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, mitten im Nationalpark Wattenmeer.

Der erste Teil bietet zudem eine interessante historische Zeitreise durch das Ölzeitalter. Es ist eine Reise voller Machtkämpfe und Kriege, bis zur Verurteilung des Oligarchen Michail Chodorkowski in Russland. „Beim Öl hört die Demokratie auf“, formulieren Richter und Aust, nie um einen kernigen Satz verlegen. Die Autoren beginnen bei den Walfängern des 19. Jahrhunderts, die, um Fässer voller Öl zu verkaufen, die Tiere rücksichtslos jagten. Die Walfänger „dachten an den Profit und glaubten, dass es immer so weitergeht. Sie haben nicht damit gerechnet, dass es irgendwann keine Wale mehr gibt“, sagt ein Historiker vom Walfang-Museum in Nantucket, Massachusetts. Vielleicht könnte man das Wort „Wale“ auch durch „Öl“ ersetzen, denkt man, und tatsächlich erklärt etwas später im Film ein Börsenhändler: „Ich glaube nicht, dass uns das Öl ausgeht.“ Für 40, 50 Jahre sei doch noch Öl vorhanden.

Allerdings bleibt der Zuschauer nicht auf der Prognose eines Parkett-Angestellten sitzen. Eine stattliche Riege von Wirtschaftskapitänen haben für diesen Film Aust, dem ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteur, und Richter, dem Leiter der ZDF-Redaktion „Frontal 21“, Audienzen gewährt: Dieter Zetsche (Daimler), Martin Winterkorn (VW), Matthias Bichsel (Shell), Rainer Seele (Wintershall), Alexander Medwedew (Gazprom), Thomas Rappuhn (RWE DEA), Peter Mather (BP) und dazu noch ein gewisser Gerhard Schröder. Der Altkanzler wird hier ausschließlich und etwas zu bescheiden als „Aufsichtsratsvorsitzender Nord Stream“ vorgestellt, und womöglich hat es auch mit dieser Funktion beim Betreiber der Erdgas-Pipeline durch die Ostsee zu tun, dass Schröder felsenfest von der Liefertreue Russlands überzeugt ist.

So erfährt man also ausführlich, wie die Wirtschaftselite denkt über das „Blut der Welt“. Allerdings beschleicht einen im Verlauf des Zweiteilers das Gefühl, dass vielleicht die eine oder andere Stimme außerhalb der Vorstandsetage von Konzernen auch ganz aufschlussreich gewesen wäre. Dass Aust und Richter hier durchgehend unkritisch der Öl- und Gaslobby auf den Leim gehen, lässt sich allerdings nicht ernsthaft behaupten. Die enorme Umweltbelastung durch die Ölgewinnung aus Sand im kanadischen Tagebau, die Risiken durch die Fracking-Technologie, bei der unter hohem Wasserdruck das Öl aus Schiefergestein gepresst wird – auch diese Themen greift der Zweiteiler auf. Was jedoch erstaunlicherweise keine Rolle spielt: Die Erderwärmung durch den enormen Ausstoß von CO2, an dem fossile Energieträger entscheidenden Anteil haben. Ein unverständliches Versäumnis.

Der Tenor ist beruhigend und ernüchternd zugleich. Ja, es gibt reichlich Brennstoff, allein die Gas-Reserve reiche noch für 250 Jahre, heißt es im Film. Nein, vom Ende des fossilen Zeitalters kann noch längst keine Rede sein. Die Karawane im „Kalten Krieg um das Blut der Welt“, so die Autoren, zieht weiter, nächstes großes Ziel ist die Arktis, wo ein Viertel aller weltweiten Öl- und Gasreserven schlummert. „Die Territorien werden abgesteckt“, sagt Wintershall-Vorstand Rainer Seele. „Die Vorkommen sind da, und Sie können nicht sagen, hier werde ich jetzt einen großen Zaun machen und diese Vorkommen werden nicht ausgebeutet werden.“ Klingt nicht so, als wollte da jemand mit sich reden lassen.

„Das Blut der Welt“, ZDF, 23 Uhr 30; und 17. November, 23 Uhr 15

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