Dokudrama über Stasi-Chef : Erich Mielke - Meister der Angst

Der Leidende, der auf Haftverschonung hofft. Der Verlierer der Geschichte, der sich stolz seinem Schicksal beugt. Der Unverbesserliche. Ein Dokudrama über Stasi-Chef Erich Mielke.

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Am Ende. Erich Mielke (Kaspar Eichel) im Haftkrankenhaus der JVA Moabit, 1991.
Am Ende. Erich Mielke (Kaspar Eichel) im Haftkrankenhaus der JVA Moabit, 1991.Foto: MDR

Dezember 1988, der Minister für Staatssicherheit frühstückt im Büro. Erich Mielke schmiert sich ein Brot und beschimpft derweil einen General: „Beweg mal deinen Hintern und schick deine Leute in die Spur.“ Er ist besorgt über die „politisch-operative Lage“ vor den Kommunalwahlen im nächsten Jahr. Aber jetzt wird gefrühstückt. Mielke zitiert Lenin, „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, und köpft schwungvoll sein Frühstücksei, das sich aber leider als zu hart erweist. „Wenn das noch mal passiert, dann mache ich hier eine stalinistische Säuberung“, sagt er. Soll ein Scherz sein.

In der banalen Spielszene geht es natürlich weniger um Frühstücksgewohnheiten. Mielke wird gefürchtet, seine Generäle stehen stramm. Das ist noch häufiger zu sehen. Wie Schuljungen werden sie heruntergeputzt. Man bekommt fast Mitgefühl mit den hohen Stasi-Funktionären. Das ist ein bisschen simpel, beinahe entlastend für die Mittäter, aber Struktur und Arbeitsweise des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sind hier nur Nebensache.

Es geht um Erich Mielke, Proletarierkind aus dem „roten Wedding“ in Berlin, kommunistischer Straßenkämpfer in der Weimarer Republik, überzeugter Stalinist, seit 1957 Leiter des MfS, Architekt des Überwachungsstaates DDR. „Meister der Angst“ nennen ihn Jens Becker und Maarten von der Duin im Titel ihres Dokumentarfilms, der immer wieder um dieses Motiv kreist: die Angst.

Die Klammer für das facettenreiche Porträt bilden Gespräche zwischen Mielke und einer Gutachterin während seiner Zeit als Untersuchungshäftling nach der Wiedervereinigung in Berlin-Moabit. Während die Spielszenen aus dem Ministerium oder in der Berliner KGB-Zentrale oft nur steifes Kostümtheater sind, bietet das Kammerspiel einen vielschichtigen Blick auf die Persönlichkeit des einst mächtigen Stasi-Chefs.

Kaspar Eichel bietet keine plumpe Mielke-Show

Mielke ist der Leidende, der auf Haftverschonung hofft. Der Verlierer der Geschichte, der sich stolz seinem Schicksal beugt. Der Unverbesserliche, der glaubt, die DDR gäbe es immer noch, wenn man nur auf ihn gehört hätte. Und wenn er die Gutachterin (Beate Laaß) umschmeichelt und dann wieder von oben herab behandelt („Was weißt denn du über die Angst, Kindchen?“), kann es auch mal beklemmend werden.

Darsteller Kaspar Eichel bietet keine plumpe Mielke-Show. Auch dieser alte, einfach gekleidete, unrasierte Mann mit Hut, Stock und großer Hornbrille könnte Mitleid erwecken, wäre da nicht immer wieder die überraschende Vitalität, wenn es um Ideologisches und seine Vergangenheit geht.

Wolfgang Fixson, Leiter der Justizvollzugsanstalt Moabit, nennt Mielke einen „ganz klaren, eiskalten Menschen“. Hubert Dreyling, Mielkes ehemaliger Anwalt, erklärt, er habe dessen Charakter- und Willensstärke bewundert. Der Film bietet verschiedene Perspektiven auf die Persönlichkeit, ohne Mielkes Verantwortung aus den Augen zu verlieren.

Zudem sind die zahlreichen O-Töne, Dokumente, Zeitzeugen-Zitate und Aussagen von Historikern geschickt und kurzweilig montiert. Parallel mit dem Rückblick auf Mielkes Leben erzählt das Dokudrama von der sich zuspitzenden Lage in der Vor-Wendezeit der DDR, von den Manipulationen bei der Kommunalwahl, den wachsenden Protesten und internen Machtkämpfen, von Mielkes vergeblichen Versuchen, noch einmal die Waffenbrüder aus der Sowjetunion zu Hilfe zu rufen, „im Sinne von 1953“.

Der Film zeichnet sich neben den Spielszenen durch eine Fülle an Stilmitteln und teilweise auch durch eine im Fernsehen unkonventionelle Gestaltung aus. Wie in dem Traum des Häftlings, in dem Nachrichtenbilder zu Erinnerungen aus dem Unterbewusstsein werden, in dem Bilder von der blutigen Wildschwein-Hatz und von öffentlichen Auftritten Mielkes zusammenfließen. Dazu ein O-Ton, in dem Mielke immer wieder die Jagd auf die „Banditen“ als „gute Tat für die sozialistische Sache“ beschwört.

„Ich liebe doch alle, alle Menschen“, hatte Mielke in seiner letzten Rede vor der DDR-Volkskammer mit dünner Stimme ausgerufen. Die Abgeordneten lachten, die Angst schien wie weggeblasen an diesem 13. November 1989. Mielke wurde 1993 zu sechs Jahren Haft verurteilt, nicht wegen seiner Verantwortung für Verfolgung und Willkür in der DDR, sondern wegen der Beteiligung an einem zweifachen Polizistenmord 1931 in Berlin. Ende 1995 kam er frei, im Mai 2000 starb er im Alter von 92 Jahren.

„Erich Mielke: Meister der Angst“, Arte, Dienstag, 20 Uhr 15

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