DOKUDRAMA : Zeit der Not, Not der Zeit

Ein beeindruckendes ARD-Dokudrama schildert das Überleben im Hungerwinter 1946/47

Barbara Sichtermann
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Reste. In der Not gab es keine Scham bei der Suche nach Essbarem. Foto: NDR/akg-images

Das Dokudrama hat laufen gelernt. Anfangs stolperte dieses TV-Genre vor sich hin, die Spielszenen wirkten aufgepfropft, die Archivsequenzen allzu bekannt, die Zeitzeugen redeten entweder zu viel oder zu stockend. Wie anders heute! Filmemacher Gordian Maugg (hier auch Autor) und Drehbuchschreiber Alexander Häusser führen mit „Hungerwinter" einmal mehr vor, dass das entwickelte Dokudrama keine Notlösung und kein Stückwerk zu sein braucht, sondern überzeugende, mitreißende Filmkunst – geradeso wie eine Doku oder ein Spielfilm, obwohl es ein Hybrid aus beiden ist.

Wir erleben Günther Kammeyer, der im eisigen Winter 1946/7 elf Jahre alt ist und mit seinem Bruder durch Hamburger Ruinen huscht, auf dem Schwarzmarkt tauscht und entlang der Bahntrasse runtergefallene Kohlen aufklaubt. Günther und sein Bruder Klaus werden von zwei Kindern – Rouven und Cedric Stadelmann – gespielt, und wenn dann der „echte“ 73-jährige Kammeyer von damals spricht: „Ich habe erfahren, dass Hunger und auch Kälte Schmerz verursachen“, dann glaubt man sofort, dass einer der beiden Strolche, denen man gerade zugeguckt hat, Kammeyer als Kind war. Und wenn das kriegszerstörte Hamburg ins Schwarz-Weiß-Bild rückt, erwartet man, die beiden minderjährigen Mundräuber um die Ecke flitzen zu sehen.

Die „Echtheit“ des Eindrucks beziehungsweise der Eindruck der Echtheit stammt aber nicht nur aus der sorgfältigen Ausstattung und der Ähnlichkeit der Schauspieler mit den Gewährsleuten, sondern auch aus der Wohlabgewogenheit von Schnitt, Musik und Rhythmus. Die Protagonisten tun das Ihre zum überzeugenden Gesamteindruck hinzu, indem sie hochkonzentriert nach innen schauen und das Publikum teilnehmen lassen an der Qual und an der Freude, die Erinnerung bedeuten kann.

Der deutsche Hungerwinter ist, seit das Tabu entfiel, deutsches Leid in und nach dem Krieg zu thematisieren, sozusagen fällig für eine Wiederkehr in den Medien. Mit diesem Dokudrama tritt er ausdrucksstark vor die Generationen. Die Alten dürfen sagen: „So war es“, und die Jungen: „Wie war das möglich?“ Und alle dürfen empathisch vor dem Fernseher frieren.

Insgesamt hat Maugg sechs Protagonisten vor die Kamera (von Frank Amann und Lutz Reitemeier) geholt, die von der Nachkriegszeit erzählen und von heutigen Schauspielern nicht „nachgespielt“, sondern verkörpert werden – in Szenen, die den Mangel fühlbar machen. Da ist Martin Schneider, damals auch elf Jahre alt, „ich wollte immer nur essen, essen, essen“. Lotte Szelsky, im Jahre 1946 24 Jahre alt und gerade Mutter geworden, verliert ihr Baby an die Kälte. Und Inge Kotsch, Jahrgang 1926, sieht den Großvater verhungern. Man dachte nur noch ans Überleben – „für Trauer war keine Zeit“. Mancher Richter will die ausgehungerten Diebe und verfrorenen Kohlenklauer, die allenthalben gejagt worden sind, hart bestrafen. Andere wieder lassen Milde walten. Kardinal Frings predigt in Köln im Geiste der Milde und des Verständnisses für die Hungernden. Seitdem heißt das illegale Organisieren von Nahrungsmitteln oder Brennholz „fringsen“.

Mittlerweile treffen Flüchtlingstrecks aus dem Osten ein – zehn Millionen Vertriebene suchen Zuflucht. Auch sie wollen ein Dach, einen Ofen und was zu essen. Die Knappheit wird noch fühlbarer. Hunderttausende verlieren ihr Leben.

Fürchterlich waren nicht nur die Minusgrade, sondern auch manche Menschen, Bauern zum Beispiel, die genug hatten, aber vor der Not der Zeit die Tür versperrten. Und dann brachen Seuchen, Typhus und Fleckfieber, aus. Die Kinder fragen die Mutter, woher all die Schrecknisse kämen. Frau Kammeyer antwortet: „Wir haben den Krieg angefangen, wir müssen das jetzt aushalten. Wir sind die Schuldigen, und wir haben viele, viele Menschen ins Unglück gestoßen, und das ist jetzt sozusagen die Quittung.“ Aber, wie Günther sich erinnert, sagte die Mutter auch dies: „Wir werden es schaffen. Wir stehen das durch." Schließlich war 1946 das erste Friedensjahr. Auch hierfür findet der Film ein schönes Bild: Ein großer schwerer Wehrmachtshelm wird entlang der Wölbung durchlöchert. Der Text dazu. „Aus Helmen werden Siebe.“

„Hungerwinter: Überleben nach dem Krieg“, ARD, 21 Uhr 45

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