Medien : Dokumentarfilm: Expedition ins Tierreich

Harald Martenstein

Herlinde Koelbl, die Fotografin und Filmemacherin, interessiert sich dafür, welche Wirkung die Macht hat. Auf Gesichter, auf Länder und auf Städte. Sie schreibt, Werk für Werk, die Chronik einer Epoche, wie früher die großen Romanciers, wie Zola oder Balzac, nur mit anderen Mitteln. "Die Meute" (ARD, 21 Uhr 40) ist ein Dokumentarfilm über Journalisten in Berlin, über Macht und Ohnmacht, über das neue Deutschland. Er besteht erstens aus Interviews, meist mit Chefredakteuren oder bekannten Leitartiklern. Die zweite Ebene des Films sind Schlachtszenen, in denen Massen von hektischen Kameraleuten, Fotografen und Reportern in Pressekonferenzen oder vor dem Reichstag um ein Bild oder einen Interviewfetzen kämpfen. Die Frontschweine. Wenn Schröder um die Ecke biegt, rennen sie los, wie zum Sturmangriff.

Die Frontschweine opfern sich fast immer vergeblich. Das, was sie erbeuten, ist meistens nicht viel wert - ein Diepgen-Satz, ein Schäuble-Bild, ein Aufsager von Müntefering. Eberhard Diepgen sagt zum Beispiel: "Es war eine interessante Aussprache. Es wurden alle Themen angesprochen. Und damit ist das Thema jetzt abgeschlossen." Dann geht er.

So etwas wird gebraucht, um den Platz zu füllen, einen der unzähligen Sendeplätze, eine andere Funktion hat es nicht. Es ist vollkommen nutzlos. Der politische Betrieb wird abgebildet. Was die Bilder zeigen, ist genau dies, kein Fitzelchen mehr: Betrieb. Vielleicht gibt es in Wirklichkeit "Politik" gar nicht mehr? Vielleicht ist das, was wir in der "Tagessschau" sehen, nur Simulation, die Inszenierung von Politik? "Die Meute" legt diesen Schluss nahe. Aber was ist dann die Wirklichkeit, woraus besteht sie?

Die dritte Ebene des Films "Die Meute" spielt dort, wo sich die neue Elite der neuen Republik trifft: bei den Partys, bei "Bambi", "Goldene Kamera", beim Bundespresseball. Größer als damals, in der alten Zeit, glamouröser. Gnadenloser für die, die nur ein Frontschwein sind. Dort vermischt es sich, Angela Merkel, Claudia Schiffer, Günther Jauch und Guido Westerwelle. Vor den Türen stehen Reporter, nicht Werner Sonne vom Fernsehen, sondern Gesellschaftsreporter wie Meike Bruhns von "Max". Sie sagt, worauf es ankommt. "Wen kennt man, wen kennt man nicht. Nie gemeine Sachen schreiben. Nie schreckliche Bilder von Promis. Nähe schafft Abhängigkeit. Man hat die guten Geschichten, aber man darf sie nicht schreiben."

So malt "Die Meute" das Bild eines neuen Systems, des Systems der Berliner Republik. Dessen wichtigstes Kennzeichen ist die Nähe, die jeder zu jedem hat, die persönliche Bekanntschaft, Geben und Nehmen, ein Amalgam aus Society, Politik und Journalismus, zusammengepresst in dieser einen Stadt Berlin. In einem gemeinsamen Milieu für das Fotomodell, den Popstar und den Bundesminister, verschwimmende Grenzen, mit Körperkontakt, nicht mehr weit übers Land und seine verschiedenen Zentren verteilt wie damals, vor 1989, als die Politik Bonn hatte und die Society München und die Journalisten Hamburg. Jetzt funktioniert es, nach einer These des "Merkur"-Herausgebers Kurt Scheel, wie im europäischen Hochadel vor 1918, wo die meisten wichtigen Herrscherhäuser miteinander verwandt waren, wo man einander herzlich zum Geburtstag gratulierte, auch dann, wenn die eigenen Völker gerade mal Krieg gegeneinander führten. Das neue System hat zweifellos etwas Höfisches, es geht, wie bei Hofe, um die Nähe zur Herrschaft, um Eitelkeit und die Macht an sich, in den Grundsatzfragen ist man sich ja weitgehend einig.

Die Ideen sind weg, vielleicht hat der Körper die Idee ersetzt. Körper, die sich bei Partys begegnen, die Körper der Kameraleute, die sich im Kampf um nutzlose Bilder prügeln. Die Chefredakteure, nach ihrer beruflichen Motivation befragt, sind sich auffällig einig. "Sucht" (Roger de Weck, damals noch bei der "Zeit"), "Trieb" (Hartmann von der Tann, ARD), "Leidenschaft" (Bascha Mika, taz), immer ist es eine irrationale Kraft, die von innen kommt, eine beinahe sexuelle Sehnsucht. Ärzte oder Architekten reden anders, die wollen heilen oder Häuser bauen.

Einerseits beschreibt Koelbl, wie ähnlich sich die Journalisten und die Politiker sind, bis in die Details der Selbstdarstellung, die kleinen Gesten der Eitelkeit. Am besten kann das Georg Gafron von der "B. Z.", ein Entertainer von Gregor-Gysi-Format, der behauptet, Kritik berühre ihn nicht, er lese keine kritischen Artikel über sich, genau, wie Helmut Kohl es immer gesagt hat. Auf der anderen Seite: die Verachtung der Politiker. Ziemlich unverhohlen. Manchmal versteht man die Politiker. Helmut Kohl, nachdem er seine Memoiren vorgestellt hat, eine Szene am Aufzug, Kohl läuft an seinen langjährigen Feinden von der Presse vorbei und sagt nur diese drei Worte: "Na, ihr Helden." Dieser Sarkasmus hat Größe.

Sie werden gejagt, von der Meute. Sie wollen die Meute kontrollieren. Sie wollen Höflinge. Aber die respektieren sie erst recht nicht.

Das demokratische Sanssouci. Die Hauptstadt, die anzieht und aufsaugt, bei der jeder dazugehören will, und sei es draußen vor der Saaltür. Was soll da noch die Distanz zu den Mächtigen, diese staubige Journalistentugend, wer möchte da noch mutig sein, wer riskiert es da, ins Exil geschickt zu werden? Der Konkurrenzkampf, könnte man sagen, ist eine Garantie dafür, dass fast jede Affäre irgendwann ans Licht kommt. "Die Meute" ist trotzdem kein optimistischer Film.

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