Dokumentarfilm : Geraubte Bräute

Mädchen galten im Reich der Mitte schon früher als "verschüttetes Wasser", nun werden sie oft abgetrieben. Eine Arte-Doku zeigt, wie Frauen in China leiden.

Hans-Jörg Rother
Chinesin
Eine jahrelange Zwangsehe liegt hinter der jungen Chinesin. -Foto: NDR

Bauer Zhingen, 40, sucht eine Frau. Doch die weibliche Jugend aus seinem Dorf auf der Insel Hainan zieht das Leben in der Stadt vor. Vergeblich redet ihm die Heiratsvermittlerin zu, eine Vietnamesin zu nehmen. Außerdem hat sie zwei nette Städterinnen im Angebot, die nach dem Rendezvous jedoch keine Lust zeigen, Bauer Zhingen auf seiner Gummibaumplantage zu helfen.

Kommissar Shi hat mehr Erfolg: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion befreit er eine geraubte Frau aus den Fängen einer zwielichtigen Bande. Als Bettler verkleidet, hatte er die Lage bei Tag erkundet, um dann im Schutz der Dunkelheit entschlossen zuzugreifen. In manchen Provinzen Chinas, wo der Arm des Gesetzes nicht immer hinreicht, werden jährlich hunderte entführte Frauen wie auf dem Viehmarkt versteigert. „Je hübscher, desto höher der Preis“, weiß der zum Fernsehstar avancierte Kommissar.

Edgar Wolf, der deutsche Regisseur des bemerkenswerten Arte-Films „Braut dringend gesucht“, und sein chinesisches Team sind mal hautnah, mal in sicherer Entfernung dabei. Der Themenabend über Chinas Schattenseiten im sozialen Umbruch ist der Auftakt einer 26 Sendestunden umfassenden Programmreihe, die bei Arte bis zum 18. August zu sehen ist.

Die Dokumentation „Braut dringend gesucht“ klärt über die Hintergründe des Frauenhandels auf: Mädchen galten im Reich der Mitte schon früher als „verschüttetes Wasser“, nun werden sie oft abgetrieben. Den Jungen dagegen versuchen betuchte Eltern frühzeitig einen Platz auf der Sonnenseite des neuen China zu sichern. In der zweiten, kürzeren Dokumentation dieses Themenabends geht es um Chinas Nachwuchs. Die junge Autorin Nicole Bölhoff zeigt in ihrem Beitrag „Büffeln und buckeln – Chinas Kinder unter Druck“ am Schicksal mehrerer Kinder, welchem Lernzwang bereits die Jüngsten von ihnen ausgesetzt sind. Der Stress beginnt mit drei Jahren im Kindergarten oder in der Dressur auf der Sportschule und ist mit dem Abiturstress noch keineswegs zu Ende. Freizeit haben diese Kinder nie kennengelernt. Die Folgen sieht man in einem Militärkrankenhaus, wo computersüchtige Jugendliche einer radikalen Entziehungskur unterzogen werden.

Auch wenn sie mit zu vielen Kommentaren überhäuft sind, sind beide Filme ein Gewinn, denn die Dokumentationen veranschaulichen, wie der Konflikt zwischen Tradition und Moderne in China immer bedrohlicher in das einzelne Schicksal eingreift. Hans-Jörg Rother

„Braut verzweifelt gesucht“, 22 Uhr 30, „Büffeln und buckeln – Chinas Kinder unter Druck“, 23 Uhr 15, beides Arte

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