Dokumentarfilm : Protokoll der Gier

Der WDR zeigt einen Dokumentarfilm über den systematischen Raubzug gegen die Juden.

Thomas Gehringer
Feuchtwanger
Blick zurück. Edgar Feuchtwanger besucht nach Jahren sein Kinderzimmer. -Foto: WDR

Ein älteres Ehepaar in New York beugt sich über Papiere aus dem Münchner Stadtarchiv. "Oh Gott, das Wort geht über die ganze Zeile", sagt Suzan Goldhaber und entziffert mühsam: "Reichsfluchtsteuerbescheid". Auch "Versteigerungsniederschrift" ist ein wahrer Zungenbrecher für sie und ihren Mann Alfred Scharff-Goldhaber. Auf den seitenlangen Listen ist pedantisch notiert worden, welche Gegenstände aus dem vormaligen Besitz von Otto und Nelly Scharff zu welchem Preis versteigert worden waren, beginnend bei "1 Schrankkoffer braun" für 60 Mark. Dahinter sind jeweils die Namen der Meistbietenden aufgeführt.

Scharff-Goldhabers jüdische Großeltern betrieben in München einen Kolonialwaren-Großhandel. Mit dem ersten Transport aus München wurden sie im November 1941 deportiert, im selben Monat in Litauen mit 1000 anderen Münchner Juden erschossen. Am 12. Februar 1942 wurde ihr Hab und Gut in München versteigert. Ihr Vermögen von über 540 000 Mark, über das sie nicht mehr hatten verfügen können, war vom deutschen Fiskus konfisziert worden. "Der Staat als Dieb", kommentiert der Enkel 65 Jahre später. "Eine der gnadenlosesten und unverschämtesten Raubaktionen, die an einem Teil der eigenen Bevölkerung vollzogen wurde - das ist die Arisierung", sagt Andreas Heusler, Historiker beim Münchner Stadtarchiv, in diesem Dokumentarfilm. Regisseur Michael Verhoeven hat Beispiele aus der Arisierungspraxis gesammelt, vor allem aus München und Köln. Prominente Fälle sind dabei wie die des Verlegers Ludwig Feuchtwanger, Bruder des Schriftstellers Lion Feuchtwanger. In der Nacht der Novemberpogrome 1938 wird der Verleger ins KZ Dachau gebracht, am nächsten Tag tauchen Beamte in seiner Wohnung auf, die seine Bibliothek "sicherstellen".

Verhoeven geht es nicht nur um den mörderischen Staat, der Opfer systematisch ausraubte. Die frei gewordenen Arbeitsplätze und Wohnungen, die unter Wert verkauften Besitztümer, das versteigerte Hab und Gut - viele Deutsche profitierten von der Verfolgung der Juden. Zeitweise herrschte eine Art Goldgräberstimmung. Der Kölner Oberfinanzpräsident Walter Kühne bat während des Krieges per Anzeige die vielen Interessenten an jüdischem Immobilienbesitz, die sich auf den Fluren der Behörde einfanden, "den Amtsbetrieb nicht zu stören". Kein Kommentar, keine Spielszenen, keine Musik sind nötig, um bei diesem Protokoll der Gier und dieser Innenansicht auf eine perfide Bürokratie ins Schaudern zu geraten.

"Menschliches Versagen", WDR, 23:15 Uhr

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