Dokumentation : Der Mann neben „Tricky Dick“

Henry Kissinger enthüllt in Arte die „Geheimnisse einer Supermacht“ und enthüllt dabei ach einiges über sich selbst.

Jan-Rüdiger Vogler
Henry Kissinger
Henry Kissinger. Obwohl nicht einmal vier Jahre im Amt, gehört er nach wie vor zu den bekanntesten Außenministern der USA. Für...Foto: Promo

Nicht einmal vier Jahre lang war Henry Kissinger Außenminister der USA. Und das auch noch in der skandalträchtigen Amtszeit von Richard Nixon. Dennoch ist der gebürtige Franke seit über 30 Jahren ein einflussreicher und weltweit bekannter Politiker, dessen Rat sogar noch vom heutigen Präsidenten eingeholt wird. Stephan Lamby, preisgekrönter Spezialist für zeitgeschichtliche Politikerporträts, ist es gelungen, den mittlerweile 85-Jährigen zu einem persönlichen Interview vor die Kamera zu holen und zu Stellungnahmen über historische Ereignisse zu bewegen.

Das Thema: Macht – persönlich und politisch. Vordergründig wirkt der 90-minütige Film wie das noble Bildnis eines erfahrenen alten Mannes, der einen Blick auf die neuere Geschichte preisgibt und seinen Anteil am weltpolitischen Geschehen ins rechte Licht rückt. Im Wesentlichen jedoch ist es dem Autor gelungen, den Kern US-amerikanischer Außenpolitik der letzten Jahrzehnte zu beleuchten. Angefangen mit der Öffnung der USA gegenüber dem kommunistischen China zu Beginn der 1970er Jahre, über den Vietnamkrieg und Watergate bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 sowie dem Irakkrieg. Das liegt nicht nur daran, dass außer Kissinger aktive Politiker wie George W. Bush und prominente Zeitzeugen wie der Schriftsteller Norman Mailer oder der ihm freundschaftlich verbundene Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt zu Wort kommen. Lambys Verdienst ist es, auch die Szenen zu zeigen, in denen keine oder ausweichende Antworten erfolgen. Wenn Kissinger zum Beispiel bei der Frage nach seiner Rolle beim Putsch gegen den chilenischen Präsidenten Allende die Zuschauer auffordert „ein seriöses Buch über das Thema zu lesen“, dann hat das mehr Aussagekraft als jedes scharfzüngig vorgetragene Statement. Obwohl das Gespräch über Ereignisse der Vergangenheit geführt wird, lässt es Rückschlüsse auf die aktuelle Politik zu. Verfolgen die USA etwa noch immer die Taktik, demokratisch gewählte Regierungen in Südamerika zu destabilisieren, wenn sie ihnen nicht genehm sind? Wird der desaströse Irakkrieg ähnliche Auswirkungen auf die amerikanische Politik haben, wie die Niederlage im Vietnamkrieg?

Gegen die globalen Interventionen der Vereinigten Staaten wirken die persönlichen Niederlagen beinahe wie Kollateralschäden. Kissingers Ausflüge ins Playboy-Leben? Eine amüsante Episode. Sein angespanntes Verhältnis zum ungeliebten Nixon? Ein Umstand, den er zum Ausbau seiner Popularität nutzte. Watergate? Ein zu erwartender Unfall im ausufernden Abhörwahn eines Kontrollfreaks. Kissinger erhielt 1973 den Friedensnobelpreis, bis heute ist diese Auszeichnung umstritten. Warum das so ist, macht diese vielschichtige Dokumentation deutlich. Nicht durch tendenziöse Verurteilung, nicht durch pathetische Überzeichnung, sondern allein durch eindeutig formulierte Fragen und teilweise sehr erhellende Entgegnungen.

„Henry Kissinger – Geheimnisse einer Supermacht“, Arte, 21 Uhr

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