DOKUMENTATION : Die rote Republik

„Auferstanden aus Ruinen“: Eine ZDF-Dokumentation beschreibt den Weg der SED zur Linkspartei

Joachim Huber
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Links ist, wo das Herz ist. Sagt Oskar Lafontaine, früher SPD-, heute Linken-Chef.Foto: dpadpa

„Reichtum für alle“, fordert Gregor Gysi auf seinem Wahlplakat in Berlin. Der Slogan muss ironisch gemeint sein. Gysi nimmt ein Motto und Buchtitel des Begründers der sozialen Marktwirtschaft, des CDU-Politikers Ludwig Erhard, auf. Der hatte „Wohlstand für alle“ propagiert, woraus die Linke aktuell „Reichtum für alle“ macht. Ob die Linke aber Ironie kann?

Vielleicht eine Frage, die die ZDF-Dokumentation „Auferstanden aus Ruinen – Von der SED zur Linkspartei“ heute Abend beantworten will. Gefertigt haben das Stück über Gegenwart und Geschichte der deutschen Linken in den vergangenen 20 Jahren seit dem Fall der Mauer das Dokumentar-„Dreamteam“ des Zweiten Deutschen Fernsehens, der „Frontal 21“-Chef Claus Richter und Stefan Aust, der ehemalige Chefredakteur des „Spiegel“.

Zwei Jahre nach der offiziellen Vereinigung von Linkspartei, PDS und WASG sind die Genossen zerstritten wie nie, Ost gegen West, Realpolitik gegen Fundamentalopposition, demokratische Sozialisten gegen antikapitalistische Linke, konstatieren Aust und Richter in ihrem Film. Doch allein durch ihre bloße Existenz habe die Partei das politische Koordinatensystem verschoben. Plötzlich werden auch alle anderen Parteien ein bisschen links: flächendeckender Mindestlohn, Managergehälter begrenzen, Rente mit 67 abschaffen und Hartz IV rückgängig machen, das sind Forderungen, die auch aus anderen Lagern kommen.

Sogar die Mehrheit der CDU-Wähler unterstütze die populistischen Forderungen der Linken, heißt es in der Dokumentation. Dass die SPD inzwischen die schlechtesten Wahlergebnisse in der bundesdeutschen Geschichte einfährt, hat einerseits mit Schröders Hartz-IV-Erfindung, zugleich mit der Konkurrenz am linken Rand zu tun. Im Osten hat die Linke die Größe und die Bedeutung einer Volkspartei. In einem Bundesland – Berlin – trägt sie gar Regierungsverantwortung und macht für die Hauptstadt eine pragmatische Politik. Im Westen konnten Parteichef Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, mit Lafontaine Fraktionsvorsitzender im Bundestag, durch ihren knallharten Oppositions- und Politikverweigerungskurs auch einen Teil der Wähler überzeugen. Szenen und Bilder aus den Hochburgen der Linken zeigen, wie eine „rote Republik“ mit Lafontaine und Gysi in der Regierung aussehen könnte.

Diese Renaissance ist umso erstaunlicher, als der Kommunismus mit dem Zusammenbruch der DDR als politische Kraft und Idee am Ende zu sein schien. Der Film beschreibt, wie es gelang, die SED unter neuem Namen in das vereinte Deutschland hinüberzuretten, belastete DDR-Spitzenfunktionäre als Saubermänner zu präsentieren, das SED-Parteivermögen in dunkle Kanäle verschwinden zu lassen.

Stefan Aust und Claus Richter verstehen ihre Dokumentation – neben allen aktuellen Aspekten – auch als Aufarbeitung dieser verwinkelten Parteigeschichte, die auch eine Mentalitätsgeschichte ist.

„Auferstanden aus Ruinen – Von der SED zur Linkspartei“, 23 Uhr 15, ZDF

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