Dokumentation : Ein bisschen Barbar

Ein akribischer Arte-Vierteiler beleuchtet über 600 Jahre Germanen-Geschichte. Dabei wird dem Mythos handfestes Wissen entgegengesetzt.

Thomas Gehringer
Germanen
Kultiviert oder wild? Über die Germanen gibt es viele Klischees. -Foto: Arte

Arminius ist blond, behauptet das Fernsehen. Könnte ja auch sein. Man darf das gelassen sehen. Zum einen wird der Stand des Wissens in dem Vierteiler "Die Germanen", den Arte an zwei Samstagabenden ausstrahlt, umfassend und seriös aufbereitet. Zum anderen ist die Neigung der Deutschen, den Fürstensohn Arminius, der unter dem Namen Hermann der Cherusker im Teutoburger Wald auf einen Sockel gehoben wurde, aus nationaler Verzückung anzuhimmeln, glücklicherweise nicht mehr so ausgeprägt. Einige der von Arminius zu einem Bündnis gegen die Römer vereinten Germanen-Stämme löschten drei Legionen des Statthalters Varus im Jahr 9 n. Chr. in einer blutigen Schlacht aus. Danach bekam das Imperium östlich des Rheins und des Limes kein Bein mehr auf die Erde. Arminius wiederum wurden die eigenen Machtgelüste zum Verhängnis: Der einst als Kindergeisel in Rom aufgezogene Bezwinger der Römer wurde von Verwandten ermordet. Den Rückzug nach der Varus-Schlacht begründete Kaiser Augustus mit den Worten, man könne die Germanen "getrost ihren inneren Zwistigkeiten überlassen". Ohnehin waren die Germanen als Begriff für ein gemeinsames Volk nur eine Erfindung von Julius Cäsar – Feindbilder brauchte man in der Politik schon vor 2000 Jahren.

Es ist gewiss kein Fehler, dem germanischen Mythos, lange Zeit ein Quell der Verblendung bis hin zum Rassenwahn der Nazis, handfestes Wissen entgegenzusetzen. WDR, HR, MDR und Arte haben dafür die Kölner Produktionsfirma Gruppe 5 beauftragt, die zurzeit bei nahezu allen dokumentarischen Großprojekten des deutschen Fernsehens zum Einsatz kommt, seien es "2057" und "Armageddon" (ZDF) oder "Die Juden – Geschichte eines Volkes" (ARD). Die Autoren Alexander Hogh und Judith Voelker präsentieren in "Die Germanen" (der Film läuft zum Jahreswechsel in leicht gekürzter Version auch im Ersten Programm) akribisch die Fakten, die sich aus den Funden bedeutender Ausgrabungsstätten wie Waldgirmes oder Kalkriese herleiten lassen.

Leistungsschau der Archäologen

Hier wirkt der 1,5 Millionen Euro teure Vierteiler wie eine Leistungsschau der Archäologen, die denn auch zahlreich vor die Kamera treten. Das ist gutes, altes Wissenschaftsfernsehen, allerdings versehen mit den modernen Mitteln digitaler Modelle und Grafiken. Germanen bauten eindrucksvolle Langhäuser, aßen nur selten Fleisch, trugen kunstvolle, farbige Kleidung, und ihre Frauen waren angesehen, jedenfalls wenn sie Priesterinnen und Hebammen waren. Ein bisschen Barbar findet sich aber doch im alten Germanen: Meistens wurden Tiere oder Pflanzen den Göttern geopfert, manchmal war jedoch auch ein Mensch darunter, der heute als Moorleiche wieder auftaucht.

Über 600 Jahre spannt die Reihe den Bogen, bis zum Frankenkönig Chlodwig (466-511), der germanische Traditionen und christliche Religion verknüpfte. Die Germanen werden hier als wesentlicher Teil einer gesamteuropäischen Geschichte verstanden, als "Bindeglied zwischen Antike und Mittelalter". Das erscheint wohl begründet, aber im dokumentarischen Fernsehen gehört auch das Fabulieren zum guten Ton. Und so werden in jeder Folge Szenen aus dem Leben einer fiktiven Person inszeniert.

In Folge eins ("Barbaren gegen Rom") ist es eine Priesterin, in Folge zwei ("Die Varusschlacht") der germanische Freund und Leibwächter des blonden Arminius, der wohl aus Ausgewogenheitsgründen schwarzhaarig ist. Die pedantische Scherbenschau auf der einen und die fiktionale Ausschmückung auf der anderen Seite passen nicht immer zusammen. Es gibt keine Dialoge, aber man hört einzelne Wortfetzen und Rufe der Schauspieler. Das hört sich dann an, wie sich Tschechen und Dänen – denn in deren Heimat sind die meisten Spielszenen gedreht worden – die Laute der Germanen halt so vorstellen. Immer noch besser, als würden die antiken Germanen plötzlich Deutsch reden.

"Die Germanen", Arte; heute und 28. Juli, jeweils 20 Uhr 45

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