Dokumentation : Generation der Opfer

Vom Kirmesvergnügen zum Vater in Uniform - die ARD erzählt von den Erlebnissen nicht nur deutscher "Kriegskinder". Die vierteilige MDR-Reihe setzt erfreulicherweise auf eine erweiterte Perspektive statt auf den nationalen Blickwinkel.

Thomas Gehringer

Kirmesvergnügen vor 60 Jahren: Beim „Schiffeversenken“ lehnen Kinder am Rand eines Beckens, in dem Boote übers Wasser treiben. Sie können bombenförmige Kugeln fallen lassen, um möglichst viele Schiffe aus der Luft zum Kentern zu bringen. Für viele Kinder in Deutschland war der Beginn des Zweiten Weltkriegs ein spannendes Abenteuer, das sie aus der Ferne begeistert verfolgten. Doch während sie noch auf dem Rummel mit falschen Bomben spielten und ihre Väter in Uniform bewunderten, mussten Altersgenossen in den von Deutschland angegriffenen Ländern bereits um ihr Leben fürchten. Zenon Malec versteckte sich als Elfjähriger während eines Luftangriffs auf Posen über mehrere Stunden. Als er nach Hause zurückkehrte, fing er sich von der Mutter heftige Schläge ein. Sie hatte eine verkohlte Kinderleiche für ihren Sohn gehalten.

Die vierteilige MDR-Reihe „Kriegskinder“ setzt erfreulicherweise auf eine erweiterte Perspektive statt auf den nationalen Blickwinkel. Zwar treten überwiegend deutsche Zeitzeugen aus den Jahrgängen 1927-37 auf, darunter Joachim Fuchsberger, Günter Kunert und Dieter Hallervorden. Doch auch Männer und Frauen aus Polen, England, Frankreich und der ehemaligen Sowjetunion sprechen über ihre Kriegserlebnisse. „Wir wollen wegkommen von dieser fast modischen deutschen Larmoyanz und zeigen, dass, während die Hitler-Jungen 1939 noch jubelten, die polnischen Jungen das alles schon ganz anders empfanden“, sagt Katja Wildermuth, Leiterin der MDR-Geschichtsredaktion. Zum Opfer wurde „eine ganze europäische Kindergeneration“, wie es im ersten Teil („Vater muss jetzt an die Front“) heißt.

Was als grundsätzliche Haltung angemessen erscheint, wird durch den Kommentar-Ton zu Beginn schwer erträglich: „Noch sind Teddy und Kindheit unversehrt“, textet Autor Martin Hübner, als handele es sich um einen Beitrag für das MDR-Magazin „Brisant“. Und wie ist dieser schwülstige Satz zum Einstieg zu verstehen: „Sie waren noch zu jung für das, was sie sahen, was sie erlitten – und was sie taten?“

Neben solchen Sätzen wirken die wenigen Inszenierungen beinahe behutsam. Mal sieht man einen Lehrer mit Stock durchs Klassenzimmers gehen, mal liegt ein Kind im Bett und blickt aus dem Fenster. Diese Szenen setzen zwar ein atmosphärisches Gegengewicht zu den zahlreichen Wochenschau-Bildern, die letztlich immer der Propaganda gedient hatten, aber die künstliche Stilisierung von Kindesleid bleibt dennoch fragwürdig. Zumal dies angesichts einer Vielzahl eindrucksvoller Biografien und lebhafter Zeitzeugen schlicht überflüssig erscheint. Thomas Gehringer

„Kriegskinder“, ARD, 21 Uhr

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