Dokumentation : Glück auf Knopfdruck

„Lebt wohl, Genossen!": Eine Arte-Reihe widmet sich dem Ende der Sowjetunion und zeigt, wo Selbstironie möglich war.

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Ein Friedhof für den Kopf von Lenin und ein Trabbi in Nordhausen Foto: Arte
Ein Friedhof für den Kopf von Lenin und ein Trabbi in Nordhausen Foto: Arte

Im sowjetischen Science-Fiction-Klassiker „Stern Alpha ruft Erde“ von 1974 geraten jugendliche Kosmonauten in die Hände von Robotern und werden von ihnen in der „Beglückungsstelle“ auf Knopfdruck neu programmiert. Mit schönen Eigenschaften wie Liebe, Mitleid, Gewissen, leider auch mit „Blinddarmentzündung“ und, womöglich noch schlimmer: „Neigung zu Selbstzweifeln“.

Programmierte Beglückung? War der Film regimekritische Satire, fragt Gagarina, eine im Westen aufgewachsene Geschichtsstudentin, ihren in der UdSSR groß gewordenen Vater. „Vielleicht. Das würde immerhin beweisen, dass es in unserem System Raum für Selbstironie gab“, entgegnet der aus dem Off. Der Dialog zwischen Tochter und Vater ist der rote Faden – und zugleich das Problem – der sechsteiligen Doku-Reihe „Lebt wohl, Genossen!“ über den Zusammenbruch des sowjetischen Weltreichs.

16 Sender aus 15 Ländern – von Finnland bis Griechenland, von Irland bis Rumänien – finanzierten das 2,6 Millionen Euro teure und von der Europäischen Union geförderte Vorhaben, das auch eine Buchveröffentlichung und Online-Auftritte (www.arte.tv/genossen und www.farewellcomrades.com) umfasst. Ein russischer Sender war nicht mit von der Partie. Dennoch wird hier Fernsehen von wahrhaft europäischem Format geboten. Die Produktion ist deutsch-französisch (Gebrüder Beetz/Berlin, Artline Films/Paris), die Autorenschaft bunt gemischt: Neben dem russischen Regisseur Andrei Nekrasov schrieben der Ungar György Dalos und der Franzose Jean-Francois Colosimo/Frankreich die Drehbücher.

Weihnachten 1991 löste sich die Sowjetunion in ihre Bestandteile auf. Aber was waren die Gründe für das Ende des kommunistischen Experiments? Der Sechsteiler steigt Mitte der siebziger Jahre ein, auf der Höhe der Entspannungspolitik zwischen Ost und West. Die ersten beiden Folgen – „Machtrausch (1975-77)“ und „Bedrohung (1980-84)“ – erzählen aber nicht nur von weltpolitischer Diplomatie und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979, sondern auch von der Opposition in den Satellitenstaaten, von der Charta-77-Gruppe um Vaclav Havel in der Tschechoslowakei, von der Solidarnosc in Polen und der Friedensbewegung in der DDR.

Politiker treten nur in Archivausschnitten auf. Die Zeitzeugen-Auswahl setzt eher auf Apparatschiks aus der zweiten Reihe, Offiziere, einfache Soldaten und Oppositionelle. Aus Deutschland sind der Theologe Friedrich Schorlemmer und Herbert Richter, damals Direktor des DDR-Gaskombinats Schwarze Pumpe, vertreten. Die Bilderauswahl ist oft originell, reicht von Spielfilmen wie „Stern Alpha ruft Erde“ bis zu selten gesehenem Nachrichtenmaterial.

Für die subjektive Note und eine sowjetische Innenansicht sorgt Regisseur Andrei Nekrasov selbst. Die Erzählerstimme aus dem Off ist sein Alter Ego, was schon dadurch unterstrichen wird, dass seine Tochter, die Berliner Schauspielerin Tatjana Nekrasov, auch die Filmtochter Gagarina spielt. Andrei Nekrasov bezeichnet den Erzähler allerdings als „kollektives Ich“. Der sanfte, markante Akzent von Schauspieler Samuel Finzi („Flemming“) passt in der deutschen Fassung wunderbar zu den ironischen, bisweilen melancholischen Erinnerungen dieses „kollektiven Ichs“, das konsequenterweise nicht im Bild zu sehen ist. Tochter Gagarina dagegen schon. So wirkt der „Dialog“ jedoch aufgesetzt und künstlich, zumal die englische Originalversion synchronisiert wird (Stimme: Anna Maria Mühe). Und der Part der Tochter klingt doch bisweilen stark nach Geschichtsreferat. Thomas Gehringer

„Lebt wohl, Genossen!“, Arte, jeweils zwei Doppelfolgen am 24. und 31. Januar um 21 Uhr 45, sowie am 7. Februar um 22 Uhr 10

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