Medien : Dokumentation: Kopyright auf Holokaust

Henryk M. Broder

Nach einem langen Marsch durch die Institutionen ist eine kleine, aber tüchtige K-Gruppe endlich in der besten Sendezeit des ZDF angekommen. Seit gestern Abend um 20 Uhr 15 wird zurückgeschrieben: "Holokaust" statt "Holocaust". Und der Historiker Eberhard Jäckel, der vor vielen Jahren die Hitler-Tagebücher von Konrad Kujau für authentisch erklärt hat, liefert auch diesmal die akademisch-wissenschaftliche Begründung: "Der Mord an den deutschen Juden gehört zur deutschen Geschichte. Ihn mit einem englisch geschriebenen Wort zu bezeichnen, kommt einer Distanzierung gleich. Die Schreibweise Holokaust ist ein symbolischer Akt der Aneignung der eigenen Geschichte."

Das klingt wirklich gut, wie ein "Mea culpa!" noch vor dem Frühstück auf den nüchternen Magen. Schaut man aber genau hin, erinnert der Satz an den Kalauer, den die K-Gruppen in den 60er und 70er Jahren bei Grundsatzdebatten sich gegenseitig um die Ohren hauten: "Die Basis ist die Grundlage des Fundaments."

Der Mord an den europäischen Juden gehört zur deutschen Geschichte wie der Karneval zu Köln und der Kürbis zu Halloween, egal wie das Verbrechen genannt oder geschrieben wird. Ob das H-Wort nun mit "c" oder mit "k" geschrieben wird, ist so maßgeblich wie die Frage, ob man ein Telefon oder ein Telephon oder einen Fernsprecher benutzt. Es gibt keine "symbolische Aneignung" der Geschichte, so wie es kein symbolisches Eigentum gibt: Eine Sache gehört einem oder sie gehört einem nicht.

Oktoberfest

Was Jäckel vermutlich sagen will, aber wieder mal nicht auf den Punkt bringt, ist dies: Die Endlösung der Judenfrage war ein deutsches Projekt, wir haben das Copyright (oder sagt man inzwischen Kopyright?) darauf und lassen uns nicht länger durch Elie Wiesel und andere Trittbrettfahrer symbolisch enteignen. "Oktoberfest" schreibt man auch mit einem "k", und wenn es in Milwaukee gefeiert wird. Deutsch sein heißt nicht nur, eine Sache um ihrer selbst Willen tun, sondern auch, sie konsequent zu Ende zu führen. Mit einem "k" in der Mitte kehrt der H. dahin zurück, wo er angefangen hat, wer immer noch ein "c" benutzt, vergreift sich an unserem Beitrag zur Welt-Geschichte. Soweit die "Symbolik der Aneignung", hinter der jene Attitüde steckt, für die Hermann Lübbe den Begriff "deutscher Sündenstolz" geprägt hat.

Außer Jäckel haben sich auch andere Schatzmeister der deutschen Geschichte zu Wort gemeldet, unter anderen Walter Jens, der über das Holocaust-Mahnmal mal gesagt hat, mit diesem Projekt würde die Gemeinschaft der toten Juden wieder ins Leben zurückgeholt. Nun treibt er seinen Voodoo-Zauber gegen den Strom der Geschichte weiter: "Wer die Tatsache, dass Millionen zu Asche gemacht wurden, präzise (...) bezeichnen will, muss Holokaust schreiben."

Und was passiert, wenn er es nicht tut, wenn ein paar Verweigerer beim "c" bleiben? Hier tut sich nicht nur eine symbolische Lücke auf, auch die Revisionisten bekommen endlich eine Chance. Wer den Massenmord an den Juden demnächst leugnet, wird einfach sagen, er habe nicht den Holokaust, sondern den Holocaust gemeint. Danke Professor Jäckel, danke Professor Jens! Wir wissen jetzt nicht nur, womit sich deutsche Großdenker die Zeit vertreiben, wir ahnen auch, was dabei heraus kommt.

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