Dokumentation : Nitro und Glyzerin

Ein leicht ironischer Dokumentarfilm über Aufstieg und Fall des Medienkonzerns Vivendi Universal.

Thomas Gehringer

In der jüngeren europäischen Mediengeschichte hat es manch rasanten Aufstieg und noch rasanteren Fall gegeben. In Deutschland denkt man da gerne an Leo Kirch, der im April 2002 Insolvenz anmelden musste. Doch mit gut sechs Milliarden Euro wirkte sein Schuldenberg nahezu bescheiden im Vergleich zu den 23 Milliarden, die Jean-Marie Messier bei seinem unfreiwilligen Abgang ebenfalls im Jahr 2002 von der Spitze des französisch-amerikanischen Mischkonzerns Vivendi Universal hinterließ. Während der Kirch-Konzern zerschlagen wurde, gibt es Vivendi, von Messiers Nachfolgern wieder auf solide Füße gestellt, noch immer.

Die Autoren Don Young und Alan Handel erzählen mit ihrem Dokumentarfilm „Vivendi Universal – Dass uns die ganze Welt gehört“ dieses spannende Stück Wirtschaftsgeschichte als Doppel-Porträt von Messier und Edgar Bronfman jr., dem schwerreichen Erben des kanadischen Spirituosenkonzerns Seagram. Als sich beide 1999 in Paris begegnen, „treffen Nitro und Glyzerin aufeinander“, kommentieren die Autoren. Es ist die Zeit des großen Internet-Hypes und Aktienrauschs. Der ehrgeizig-charmante Messier, der das traditionsreiche Versorgungsunternehmen Generale Des Eaux in einen schillernden Kommunikationsriesen verwandeln wollte und in Vivendi umbenennen ließ, trieb mit der bloßen Ankündigung eines Internet-Netzwerks die Aktien in schwindelnde Höhen.

Der Traum von Ruhm und Reichtum in der digitalen Welt

Wie Messier träumte Bronfman jr. von Ruhm und Reichtum in der heraufdämmernden digitalen Welt. Mit dem Kauf des Hollywood-Studios Universal und des Musikproduzenten Polygram hatte er bereits kräftig in die Unterhaltungsindustrie investiert. Im Jahr 2000 schwatzte Messier den Bronfmans mit Seagram die Basis ihres in knapp 150 Jahren angesammelten Familienvermögens ab – und zahlte dafür mit überbewerteten Vivendi-Aktien. Am Ende der Liaison standen eine Rekordverschuldung und ein Desaster auch für zahlreiche Kleinaktionäre von Vivendi Universal. Messier kam mit einer Geldbuße glimpflich davon. Heute leitet er eine Unternehmensberatung in Paris, Bronfman jr. ist Chef der Warner Music Group.

Beide waren für die Autoren nicht zu sprechen, dennoch bieten Young und Handel einige hochkarätige Gesprächspartner auf, darunter Pierre Lescure, den ehemaligen Chef des Pay-TV-Senders und Fernsehproduzenten Canal+, einer Vivendi-Tochter. Zu deren Reich gehören auch die Puppen „Les Guignols“, die den glanzvollen Aufstieg des Wunderknaben Messier satirisch begleitet hatten, was nun ein paar hübsche Ausschnitte ermöglicht. Für Kurzweil sorgt außerdem der ironische Kommentarton, wenn auch den Autoren bei mancher Metapher die Gäule durchgehen. Messier sei der Enkel eines Chauffeurs, heißt es da, „und lenkt seinen Streitwagen so hoch hinauf wie nur möglich: brillant und wagemutig“. Oben angekommen, erlitt der „kleine Napoleon“, um im Bild zu bleiben, Achsenbruch.

„Vivendi Universal – Dass uns die ganze Welt gehört“, Arte, 22 Uhr 15

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